Lasst mich fliegen – BDSM und Beziehungen [eine Momentaufnahme]

Ich wurde durch ein, zwei Kommentare auf Twitter zu diesem Beitrag motiviert, habe aber sehr kritisch darüber nachgedacht, ob ich euch an diesen Gefühlen teilhaben lassen soll. Denn hier geht es nicht nur um eine Ansicht, die sich vielleicht in einiger Zeit wieder ändert, es geht auch um Gründe für meinen Austritt aus dem Zirkel. Dabei möchte ich einfach niemandem zu nahe treten, weder meinem ehemaligen Herrn, noch den Damen im Zirkel.


Und vielleicht habe ich gerade das Konzept der O für mich in wenigen Sätzen zerlegt und vernichtet. Zeit wurde es. Batman wäre stolz 🙂

Mit diesem Tweet aus meiner Feder möchte ich mal beginnen, und zwar beim letzten Satz.

Batman, mein Noch-Ehemann, war nie ein Fan dieser starren BDSM-Konstrukte. Er hat all meine Spielpartner von Anfang an richtig eingeschätzt und Dinge gesehen, die ich hinter meiner rosanen Sub-Brille zunächste nicht sehen konnte. Dennoch hat er mich ausprobieren lassen. Er hatte sich jeden „Ich habe es dir ja gesagt“-Moment ehrlich verdient.

Bei diesem Tweet ging es in meinem Kopf zunächst um das literarische Konzept der O, also die vollständige, in meinen Augen vollkommen unmögliche, Selbstaufgabe eines Menschen, um sich einem anderen Menschen zu unterwerfen. Warum ist das für mich unmöglich? Weil man, um diesen Schritt zu gehen, den Wunsch haben muss, diese Unterwerfung zu erleben. Man möchte spüren, fühlen, darin aufgehen, glücklich werden. Gleichzeitig läuft es aber auf eine Situation hinaus, in der man für den Unterwerfenden ein Spielzeug wird, ein Stück Ding, dass benutzt wird, wenn jemandem danach ist. Es geht nicht um die Gefühle des Dings, um die Wünsche, denn dieses Ding ist ja dann glücklich, wenn es eben nur ein Ding ist. Es geht auch nicht um die Liebe, die man diesem Ding entgegenbringt. Liebe bei der O ist auf lange Sicht eine Einbahnstraße. Und damit gibt es für mich aus dieser Situation nur einen Ausgang, auch wenn die Autorin dies anders gesehen hat.

Im Hinterkopf war aber natürlich auch der Gedanke an die letzte Beziehung, den Zirkel. An den Satz „Lieblingsbuchstabe O“, der in meiner Twitter-Bio stand. An die Idee einer Umsetzung der starren Vorlage in eine machbare Realität, die so viele Herren anstreben. Die eigene O, geformt nach ihren Wünschen. (Dabei wurde die O meiner Erinnerung nach nicht nach den persönlichen Wünschen des einzelnen Herrn geformt. Es gab eine Art Muster, nach der die Damen ausgebildet wurden, wenn mich nicht alles täuscht. Kann mich aber auch irren, es ist einige Jahre her, dass ich das Buch gelesen habe und mein Hirn ist ein Sieb.)

Für mich ist der Zauber dieser Geschichte einfach verpufft.

Es gab Momente, in dem ich merkte, dass ich etwas verlor, was ich nicht verlieren wollte.

Als ich mit meinem Mann schlief, und ich im Endeffekt ein Blowjob-Programm aufrief, dass ich für meinen Herrn verinnerlicht hatte, technische Aspekte an dieser Geschichte, die er auf eine bestimmte Art und Weise erwartete. Und dann sagte mein Mann mir, dass meine Blowjobs früher besser waren. (Dem einen oder andere Leser wird bekannt sein, dass ich diese Disziplin als meine Spezialität betrachte. Diese Kritik saß also.) Ich hatte mich nicht auf die Situation eingestellt, nicht eingefühlt wie früher, ich habe das im Zirkel eingeübte Programm gestartet, ganz automatisch. Das mag jetzt für den Leser vielleicht etwas seltsam wirken, aber es war der erste Punkt, an dem ich mich fragte, ob diese Spezialisierung auf eine Person wirklich zielführend ist.

Und es gab die schleichende Erkenntnis über mehrere Monate, dass es für mich eigentlich nur noch den Weg aus dem Zirkel gibt.

Als ich Wünsche in mir entdeckte, die mein Herr klar ablehnte oder die zwar meinerseits erwähnt, seinerseits wahrgenommen, aber nie angegangen wurden. Natürlich kann man jetzt über Wunschlisten diskutieren, aber Fakt ist: wir spielen dieses Spiel für beide Seiten. Wenn ich bei der Unterwerfung nicht glücklich werde, unterwerfe ich mich nicht. Dafür bietet mir persönlich der Akt an sich nicht ausreichend Befriedigung.

Und als ich wartete. Ich wartete auf Zeitfenster für mich. Da saß das Ding, das geformt werden sollte, und wartete auf weitere Lektionen. Und das Ding begriff, dass es Bedürfnisse hatte, genährt und gestärkt durch den Herrn, dass es keine Lust hatte, auf Passivität und Warten. Mein Mann gab mir einst Flügel, Falbalus zeigte mir, was ich damit tun konnte, und dann saß ich auf der Erde und wartete auf die Momente, in denen ich sie entfalten durfte. Kein Wunder, dass ich unglücklich wurde.

Heute, jetzt, lasse ich mich auf so eine Beziehung nicht mehr ein. Ich verzichte auf die vermeintliche Sicherheit einer exklusiven Beziehung. Ich möchte lernen. Lieben. Leben. Möchte Ecken des BDSM ausleuchten, die ich noch nicht kenne und kann mich dabei so frei fühlen, wie schon lange nicht mehr. Ich kann offen sein und ehrlich, bin momentan absolut nicht Sub, sondern wahrlich auf Augenhöhe, kann Dinge formulieren, die ich so zu einem Herrn niemals sagen könnte. Ich weiß noch, als ich einmal wirklich auf ein Problem stieß und zitternd vor Verlustangst meinem Herrn klarmachen musste, dass ich diese Situation so nicht nochmal erleben kann und möchte, ich notfalls gehen müsste. Es ging um ein Problem, dass ich hatte, und im Endeffekt bettelte ich darum, dass er mich diesem Problem nicht nochmal aussetzt. Was für ein Unsinn aus heutiger Sicht. Heute gibt es ein „Das kannst du schon so machen, aber dann hinterlässt du bei mir verbrannte Erde.“ Klar und deutlich. Bin ich es dir wert, dass du mir da entgegenkommst? Nein? Dann ist dort die Tür.

Dabei geht es mir nicht um Anerkennung, wie mir bereits unterstellt wurde. Ich brauche nicht möglichst viele Menschen, die mir unterschreiben, was für ein geiles Miststück ich bin. Ich brauche ein paar Menschen, die mich durch unterschiedliche Aspekte der gemeinsamen Sexualität und des BDSM glücklich machen. Dafür muss ich suchen und ausprobieren, dieser Prozess gehört nunmal dazu. Und ich stelle mal die Gegenfrage, wieso brauchst du die Anerkennung, dass ich dir gehöre? Gerade wenn ich nur deine Sub bin und es neben mir, nein, über mir, noch deine Partnerin gibt. Ich unterstelle da momentan automatisch Angst, Unsicherheit, Machogehabe. Nichts, was ich bei einem Herrn sehen möchte, wenn ich ehrlich bin.


Vielleicht ändert sich das wieder. Vielleicht gibt es da jemanden, der mich nochmal in diesen Strudel lockt, den ich ja durchaus als verführerisch und erhebend wahrnehmen kann. Aber ich habe aus diesem letzten Trip gelernt und habe klarere Vorstellungen, was mich erwartet und was ich erwarte. Ich ziehe für mich auch kein negatives Fazit, im Gegenteil. Ich habe mich neu kennengelernt.

Ich fühle mich ja gerade weniger als Sub und eher als freie Mitarbeiterin. Fühlt sich ehrlichgesagt klasse an =D

Ich kann nicht nur fliegen.

Ich tue es auch.

Vielen Dank dafür <3

4 Gedanken zu „Lasst mich fliegen – BDSM und Beziehungen [eine Momentaufnahme]“

  1. Ich hatte den Film von 1975 gesehen und war fasziniert, ich hatte das Werk von Crepax gesehen und erregt. Dann habe ich das Buch gelesen und den aus meiner Sicht untrennbar verbundenen zweiten Teil „Rückkehr nach Roissy“ ich war entsetzt.
    Es geht am Ende darum die Frau zum Ding zu machen, die am Ende zwangsprostituiert wird (wobei ich kein Problem mit Prostituion habe). Das Ziel ist die Frau zu brechen, ab einem gewissen Moment geht es nicht um freiwillige Unterwerfung.
    Insofern finde ich die Glorifizierung der „O“ innerhalb der BDSM Szene sehr eigenartig und es hat mich davon abgehalten mich in den entsprechenden Zirkeln zu bewegen.

  2. Tara, geh du deinen Weg. Jeder Mensch lernt auf seinem Weg hinzu. Wenn du mit dem Konzept des Zirkels nicht mehr übereinstimmst und nicht mehr nach den Regeln leben kannst, ich es deine Entscheidung nicht als O, sondern als eingenständiger, denkender und auch handelnder Mensch.. Beide Seiten müssen sich in dem Zirkel wiederfinden. Nur so ist die einvernehmliche Basis möglich. Verläßt eine Seite diese Ebene entsteht ein Vertrauensverlust, der unabänderlich das Ende der Beziehung bedeutet. Für dich, wünsche ich dir, das du das findest, was du suchst. Dabei wirst du dich auch weiterentwickeln, sodaß sich neue Zielpunkr auftun werden. Für deinen Ex-Herrn bedeutet es aber auch, daß seine Vorstellungen nicht gescheitert dind, sondern nur, daß du die falsche Person für die O bist. Euch beiden Viel Glück auf dem Weg eures Suchens und Findens.

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