Tiefenrausch

Ich habe mir mit diesem Bericht hier vom letzten Treffen des Shibari-Clubs etwas Zeit gelassen. Es gibt Erfahrungen, die müssen sich erstmal setzen, bevor man davon berichten kann.

Der Abend begann etwas stressig, und ich war angespannt. Überlegte unterwegs sogar noch umzukehren. Vielleicht war es das Spiel am Donnerstag davor und der GEP-Abend, die mich da etwas runterzogen. Es muss nicht der Drop selber sein, es reicht schon die Angst davor, um eine gewisse Anspannung zu provozieren. Aber ich hatte zugesagt und wollte auch als neues Mitglied des Clubs da sein, um eventuelle Fragen zu klären. Also biss ich die Zähne zusammen, lächelte und fuhr hin. Und es sollte sich lohnen.

Es war wenig los an diesem Abend. Twin fesselte ein noch unerfahrenes männliches Bunny, ich diente einem neuen Rigger als Übungsobjekt, unter der Anleitung eines Clubmitglieds, nennen wir den Herren mal Andy. Ihr erinnert euch vielleicht, dieser Mensch, den ich auf dem Stammtisch kennengelernt habe, der mich überhaupt zum Shibari gebracht und, verdammt, einfach triggert. Wir kamen noch nie dazu, in Ruhe zu fesseln. Das sollte sich jetzt in gewisser Weise ändern.

Ich konnte anfangs ein wenig beobachten, wie Twin den jungen Mann verschnürte, und es ist wirklich eine Freude, ihr dabei zuzusehen. Aber auch ihr Bunny so zu sehen war wunderschön, er lag mit geschlossenen Augen in den Seilen, den Oberkörper gegen seine Riggerin gelehnt, und wirkte unglaublich entspannt.

Ich wurde erst im Sitzen gefesselt, die Hände auf dem Rücken, die Beine im Schneidersitz mit den Oberkörper verbunden. Andy demonstrierte an mir, wie praktisch diese Fesselung ist, man kann das Bunny daran in alle Richtungen kippen und es sich auch, schwupps, auf den Schoß wuppen. Hallo, Komplexe, schön, dass ihr mitspielt. Ich fand das erstmal garnicht lustig, ich war sprachlos, und was zur Hölle, ich saß da verschnürt spontan auf einem Schoß. Aber dann… War es ok. Er liest hier mit und weiß in diesem Punkt genau, was er tut. Er piekste also mit Absicht in diese Wunde, und damit fiel das für mich eher unter Lektion. Meine Wut war kurz da und verpuffte dann einfach. Trotzdem wollte ich wieder runter 🙂 Ich wurde ausgefesselt und wir machten erstmal Pause.

Nach der Pause legte ich mich auf den Rücken, und Andy begann mit dem neuen Rigger mich von den Füßen aufwärts zu fesseln. Nach kurzer Zeit lag ich in der Meerjungfrauenfesslung am Boden, die Arme seitlich an den Körper gebunden.

Hierbei fiel mir wieder auf, wie spannend ich es finde, wenn Menschen keine Berührungsängste haben. Klar, die wären beim Shibari schwierig, aber dennoch… Ich genieße das einfach. Es hat etwas therapeutisches, diese Nähe zu erfahren, wenn man nach und nach in diesem Seil verschwindet und dabei auch fremde Hände ohne Zögern ins Seil greifen. Ich bin dafür sehr, sehr dankbar, immer wieder auf’s Neue <3

Bei den Treffen des Clubs wird, wenn überhaupt, nur sanft gespielt. Die Kleidung bleibt an, niemand packt Spielzeug aus, es geht rein um die Seile und deren Anwendung. Viel mehr braucht es aber auch nicht, Hände und Seil können sehr viel bewirken.

Mit einem Griff in die Seile und einem Zug nach oben hoben meine Schultern vom Boden ab. Ich legte den Kopf in den Nacken und genoss den Moment, den Druck der Seile auf den Oberarmen, auf den Rücken. Andy ließ mich vorsichtig wieder auf den Boden, und zog mich nochmal hoch. Es war wirklich schön 🙂

Ich konnte mich entspannen. Bisher hatte ich mich mit meinem Vergnügen an der Sache zurückgehalten, als Übungsbunny sehe ich meine Aufgabe darin, dem Rigger zu helfen. Dabei schalte ich nur bedingt ab, bin mit dem Kopf auch mit geschlossenen Augen noch immer dabei und höre zu, komme entgegen, versuche, möglichst leicht zu fesseln zu sein, soweit es mir möglich ist.

Andy griff zwischen die Seile, drückte ein paar Sekunden auf mein Brustbein. Hui, diesen Schmerz kannte ich noch nicht, das war wirklich spannend (und ich hatte ein paar Tage etwas davon). Die Atmung stockte, ich musste diesen Schmerz erstmal einsortieren.

“Geht es dir gut?“

Ich antwortete scherzhaft, dass alles ok wäre, von der fehlenden Hand am Hals abgesehen. Das er diesen “Mangel“ dann tatsächlich behob hätte ich nicht erwartet und es macht mich bis heute ein wenig sprachlos. Er erklärte dem Neuzugang wie genau er das tat, um ihm zu zeigen, dass man ein beklemmendes Gefühl erzeugen kann, ohne direkt die Luft abzudrücken. Es fühlte sich wunderbar an, die Enge der Seile, die Hilflosigkeit, und seine Hand an meinem Hals. (Dennoch bereue ich diese Bitte ein wenig und werde sie zumindest im Club vermutlich nicht nochmal äußern. Es fühlte sich, gerade vor einem unerfahrenen Rigger, der eventuell auf dumme Gedanken kommt, im Nachhinein nicht gut an.)

Kurz darauf befreite mich Andy von den Seilen. Dafür saß er hinter mir, ich lehnte mich gegen ihn und genoss diese Intimität. Es war absolut still, ich blendete die Musik aus und versank vollkommen in diesem Moment, ich war weg, weit, weit weg. Es ist schwierig, dafür passende Worte zu finden, es war berauschend, ich war glücklich.

Als ich langsam wieder auftauchte, räumten wir die Seile zusammen. Garnicht so einfach, wenn man noch so halb in Trance klebt. Ich zog mich erstmal zurück, weiß im Nachhinein, dass ich Nähe gebraucht hätte, konnte aber selbst nach einem “Sag Bescheid, wenn du das brauchst“ nicht fragen. Hier muss ich an mir arbeiten, aber etwas von jemandem einfordern, den man kaum kennt, ist einfach schwierig, egal wie nah man sich gerade war. Aber ich versuche, mich hier zu bessern.

Wir räumten auf, packten, und machten uns auf den Heimweg.

Zwei Tage später traf mich der Drop, sehr unschön und schmerzhaft, auch wenn ich diesen Preis gerne zahle. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich in sechs Tagen dreimal gespielt bzw hatte sehr intensive Momente, es war also kein Wunder und ich hatte damit gerechnet. Es war nur interessant zu sehen, wie intensiv man nach so einem Moment den Rigger dahinter vermisst. Aber wie gesagt… Den Preis zahle ich sehr gerne.

3 Gedanken zu „Tiefenrausch“

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