Die Geschichte von der bunten Jute – Wie wir unsere Seile gefärbt haben

Es begann mit der Idee, ein eigenes Fessel-Set zu kaufen. Also Seile, die tatsächlich nur für Twin und mich sind, die man nicht mal eben verleiht, die man vielleicht auch mal in den Mund legen kann, weil man sicher weiß: die haben nur uns berührt. Nachdem auch ich demnächst aktiv fesseln möchte, waren wir bei zwei mal 80 m. Und da wir uns beide durch unser Studium etwas mit dem ganzen Textilthema auskennen, war auch klar: wir kaufen Rohseil und den Rest erledigen wir selber.

Die Seilauswahl

Nachdem Twin bereits ein Seilset aus Hanf fertiggestellt hatte, entschieden wir uns diesmal für Jute, Stärke 5 mm. Hübsch und schmerzhaft, gedacht für intensives Floorwork und Teilsuspensions. Gemeinsam mit Bekannten bestellten wir bei Baumwollseil.de und saßen dann hier mit 390 m Seil.

Sehr viel Seil

Die Farbe und die Färbemethode

Während die Entscheidung für das Material schnell gefällt war, dauerte diese hier wesentlich länger. Die Aufgabe war recht einfach: finde eine Farbe und eine Färbemethode, die schöne Ergebnisse liefern, aber das Seil nicht zu sehr angreifen. Ich recherchierte in Fachliteratur und im Labor der Uni, wühlte mich durch Aufsätze und stellte am Ende fest: so wirklich schlauer bin ich jetzt auch nicht. Es hat sich einfach kaum einer mit Juteseilen beschäftigt, und durch die gedrehte, sehr enge Struktur des Seils und die ganz anderen Anforderungen als an Bekleidung, konnte ich mich nicht einfach nach den Ergebnissen normaler Textilfärbungen richten.

Ich suchte den Kontakt zu BavarianBondage. Auf der Passion hatte ich ihre Seile in der Hand, sie sind wunderschön, viele bunte Farben, gleichmäßig gefärbt. Und ich bekam sehr ausführliche Emails zurück mit Denkanstößen und Hinweisen, vielen, vielen Dank dafür! Mit dieser Ausführlichkeit hatte ich niemals gerechnet. Eine weitere große Hilfe war der Kontakt zu Baumwollseil und Nawasabi. Auch hier vielen Dank für die Beantwortung meiner Fragen, schriftlich wie telefonisch!

Im Internet stießen wir auf den Hinweis, hochpigmentierte Farbe aus dem Theater-/Karnevalsbedarf zu nehmen. So landeten wir bei den Farben von Patin-A. Auch hier wurde ich sehr gut beraten, das FAQ so generell zum Thema Färben kann ich nur empfehlen.

Am Ende entschieden wir uns für die Farben aus der Reihe DEKA aktuell. Dafür gab es mehrere Gründe: Das ist ein Reaktiv-Farbstoff, was eine hohe Farbechtheit bedeutet. Der farbige Teil des Farbmoleküls, das sog. Chromophor, verbindet sich über einen kleinen Molekül-Anker (der sog. Reaktiv-Anker, daher der Name) sehr fest mit den Textilmolekülen, ergo kein Ausbluten beim Waschen, keine Lösung des Farbstoffs durch Schweiß oder Speichel (wenn die überschüssige Farbe vollständig ausgespült wurde). Reaktivfarbstoffe liefern auf Textilien sehr farbintensive und kräftige Ergebnisse, das erhofften wir uns auch für unsere Seile. Außerdem kann man diese Farbe auch bei niedrigen Temperaturen anwenden, nicht erst ab 60 °C oder sogar noch mehr.

Gerade der letzte Punkt war für uns wichtig. Wir haben sehr lange gegrübelt, wie wir am besten Färben. Können wir eine Färbespule besorgen oder drucken, und eventuell das Prinzip der Garnfärbung anwenden (Garn auf Färbespule, Farbe wird von innen durch die Spule gepresst)? Drucken wir eine passende Spule für die Waschmaschine, die sich mitdreht, damit das Seil möglichst wenig mechanische Belastung erfährt? (Studenten und 3D-Drucker…Du hast ein Problem? Dafür gibt’s doch bestimmt etwas aus dem Drucker!) Zwei Dinge waren uns wichtig: eine eher niedrige Temperatur und wenig Mechanik, damit die Fasern möglichst wenig Schaden nehmen. Und so entschieden wir uns für den 20l-Gulaschtopf und eine Heizplatte. Das 80m-Seil wickelten wir in kleine Seilpakete, die wir mit einer Jute-Schnur aus der Gartenabteilung locker verbunden in die Farbe legen wollten.

Die gewickelten Seilpakete
Nahaufnahme eines der Seilpakete

Beim Wickeln der Pakete nahmen wir ein PVC-Rohr zu Hilfe, das vom Bau des Trockengestells noch übrig war. Dabei wickelten wir vorsichtig, drehten eher das Rohr als das Seil, um nicht noch weitere Spannungen in das Seil zu drehen.

Die Trocknung

Um 80 m Seil zu trocknen braucht man Platz… oder ein Trockengestell. Ein Freund entwarf und baute uns eines, damit wir die Seile auch im Schlafzimmer mehrere Tage gespannt trocknen können. Dabei führen wir das Seil im Dreieck um PVC-Rohre, wobei die obere Ecke über Gewichte an Umlenkrollen nach oben gezogen wird. Für die Gewichte haben wir knapp 20 kg Quarzsand in Plastikflaschen gefüllt, und diese in Jutebeutel gepackt.

Das Große Färben

Der Topf mit der Färbeflotte

Man nehme einen Topf, ca 1,2 kg Seil und ausreichend Farbstoff (acht kleine Päckchen), die entsprechende Menge Reaktionsmittel (160 g) und Salz (750 g, das war wohl etwas viel). Das Reaktionsmittel aktiviert die Reaktiv-Anker in der Farbe, das Salz sorgt dafür, dass der Farbstoff gleichmäßig und intensiv auf das Seil aufzieht. Das Ganze kippt man nacheinander zusammen und gibt dem Ganzen zwei Stunden Zeit bei irgendwas um die 45-50 °C. In diesen zwei Stunden greift man alle 15 bis 20 Minuten mit Handschuhen in die Farbe, bewegt die Flüssigkeit und die Seile (der Profi nennt das Flottenaustausch), zieht die einzelnen Seilpakete vorsichtig auseinander und lässt auch Flüssigkeit zwischen die gewickelten Lagen. Diese Eingriffe sind sehr wichtig, denn je besser die Flotte die Seilpakete duchdringt, desto gleichmäßiger wird die Färbung. Die Flotte riecht. Nicht sehr krass unangenehm, aber regelmäßiges Lüften ist bei solchen Prozessen immer eine gute Idee.

Das Seil im Topf

Dann kippt man den ganzen Pott in der Badewanne aus, dabei verdünnt man die Flotte mit sehr viel Wasser, und spült auch die Seilpakete schon mal durch. Haltet für die Wanne Scheuermilch und einen Lappen bereit (meine Wanne hat jetzt einen hübschen Türkisstich *hust* Aber ordentlich schrubben hilft).

Nun wandert das Seil in einem Wäschenetz in die Waschmaschine zusammen mit einem Schwupps Feinwaschmittel. Wir haben hier den kurzen Waschgang gewählt (ca 40 Min, Wollwiege mit ganz wenig Mechanik), das war ein Fehler. Bei der ersten Färbung hat das gereicht, bei der zweiten setzte sich nach dem Waschen und Spannen im Laufe der Trocknung Salz auf dem Seil ab.

Salzablagerungen auf dem Seil

Es war im Waschprozess nicht alles an Salz aus dem Seil gespült worden. Also runter von der Spannvorrichtung, zwei Stunden in den Topf mit sauberem Wasser, damit das Salz und auch ungebundener Farbstoff aus dem Seil gespült wird. Danach in den Feinwäsche-Waschgang der Waschmaschine (knapp eine Stunde mit ein bisschen Mechanik). Perfekt. Geschleudert haben wir auf der niedrigsten Einstellung, das sind bei meiner Maschine 900 U/min.

Reaktivfarbe muss mit sehr viel Wasser ausgewaschen werden. In den Seilen sammelt sich viel Farbe, die nicht fest mit der Faseroberfläche verbunden ist. Wenn diese Farbe ausgewaschen ist, sollten die Seile bei späteren Kontakten mit Wasser nicht weiter ausbluten. Ich würde bei der nächsten Färbung zum einen weniger Salz verwenden (Wir wollten es mal testen… je mehr Salz, desto mehr Farbe im Seil… *hust*), und zum anderen die Seile direkt länger in die Waschmaschine stecken. Eventuell auch nochmal in den Topf, das Salz braucht neben der Mechanik der Waschmaschine Zeit, Temperatur und vor allem eine gewisse Menge Wasser, um aus dem Seil in Lösung zu gehen. Dabei senkt die größere Menge Wasser die Salzkonzentration in der Flotte und damit auch im Seil: das Salz klebt nicht mehr nur auf dem Seil, sondern verteilt sich auf den ganzen Topf mit Wasser. Aber gerade moderne Waschmaschinen sind darauf getrimmt, mit möglichst wenig Wasser zu arbeiten.

Wenn man das Seil leicht aufdreht, sieht man, dass das Seil nicht ganz durchgefärbt ist. Wer darauf Wert legt, muss vermutlich das Seil in der Flotte über die ganze Länge mehrmals stückchenweise aufdrehen.

Spannen und Trocknen

Das Trockengestell

So ein Gestell ist praktisch um die Seile zu spannen. Allerdings ist es anstrengend, die 80 m da draufzuziehen. Man muss mit dem gesamten Seilpaket wieder und wieder um das Gestell, mit zwei Leuten geht das ganz gut, alleine wäre es vermutlich sehr nervig geworden. Wir haben die Seilpakete über die Juteschnüre miteinander verbunden und haben einzeln nacheinander die Pakete aufgeschnitten, die freigewordene Länge von Spannungen und Drehungen befreit (ausstreichen, auspendeln lassen), diese dann aufgewickelt und sind zum nächsten Seilpaket übergegangen. Dabei hatten wir die Rolle auf einer Höhe fixiert, was sich teilweise als etwas schwierig erwies, Knoten rutschten unter der Belastung, und damit auch die Rolle. Hier müsste man eine Art Befestigung finden, damit man die Seile wirklich schon in diesem Moment, in dem die Rolle noch nicht mit dem Gewicht belastet ist, dennoch gespannt über die Rolle ziehen kann. Am Ende haben wir die Seile nochmal nachgespannt (durch den Wickelprozess geht etwas Spannung verloren), dann gleichzeitig an beiden Seiten die Gewicht drangehängt. In den nächsten Tagen (wie haben vier Tage gewartet) haben wir abundzu die Rolle bewegt, um die Spannung auf die Seillagen zu verteilen.

Das Finish

Nach vier Tagen haben wir die Seile vom Gestell genommen und auf die richtige Länge geschnitten, die Enden mit einem Knoten gesichert. An dieser Stelle hat man die Option, die Seile in den Trockner zu werfen, dabei würde ich allerdings einen kalten Schongang wählen. Dadurch werden die Seile weicher und gleich ein Stück weit entfusselt. Bei unseren Seilen ist ein Teil in den Trockner gewandert, ein anderer nicht. Danach haben wir die Seile abgeflämmt, um die herausstehenden Fasern zu entfernen (diese werden sonst beim Feseln rausgezogen und fusseln alles voll. Außerdem ändert sich durch die wesentlich geringere Haarigkeit die Optik des Seils.)

Rechts vor dem Flämmen, links danach

Nach dem Flämmen wurde der Ruß mit einem feuchten Tuch entfernt, die Seile nochmal für einen Tag über die Stuhllehnen gespannt zum Trocknen. Als letzten Schritt haben wir die Seile mit einer Mischung aus Bienenwachs und Jojobaöl durch unsere Hände laufen lassen.

Twins Seile kamen danach an zwei sonnigen Tag raus an die Luft. Reaktivfarben hinterlassen einen chemischen Geruch, und diesen wollten wir loswerden. Dafür reichen ein paar Tage in der Sonne. Allerdings vermute ich, dass dabei das Wachs-Öl-Gemisch an der Oberfläche austrocknen kann. Meine Seile wollte ich vor dem Wachsen lüften, nur regnet es momentan. Daher liegen sie hier locker gehäuft herum und warten auf besseres Wetter. Um die Farbe machen wir unsbeim Sonnen keine Gedanken, das sollte der Farbstoff locker aushalten.

Die Messung

Dieser ganze Prozess, vor allem die Recherche, dauerte mehrere Wochen, weil wir uns sicher sein wollten, unsere Seile mit der Färbung nicht zu sehr zu beschädigen. Beschädigen bedeutet in diesem Fall, dass manche Chemikalien die Fasern angreifen oder zerstören können, aber auch, dass die Farbschicht auf den einzelnen Fasern die Reibung zwischen diesen Fasern beeinflussen kann, und im Endeffekt funktioniert so ein Seil über diese Reibung.

Also meldeten wir uns im Labor für Qualitätsprüfung an unserer Uni und packten unsere Seile in den sog. Zwick. Ein großes Gerät, dass unser Seil mit sehr viel Kraft auseinanderziehen kann. Dabei wird das Seil oben und unten eingeklemmt und um Umlenkstellen geführt, dann bewegt sich der untere Schlitten mit der Klemmstelle nach unten und zieht am Seil.

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Das Rohseil im Zwick

Wir haben zwei Seile gemessen, einmal ein Rohseil, einmal ein gefärbtes (nicht geflämmt, nicht gewachst). An diesen Seilen haben wir jeweils drei Messungen durchgeführt.

Die Werte, bei denen die Seile gerissen sind (in Newton N):

Rohseil:

Messung1
Gefärbtes Seil:
Messung2
Wie sagte der Physiklehrer damals… ein Newton entspricht ungefähr einer Tafel Schokolade. Genauer gesagt ca 102 g. Wir nehmen mal die niedrigsten Werte:

Rohseil: 2025,1 N x 102 g/N = 206.560,2 g => ca 206,5 kg

Gefärbtes Seil: 1569,8 N x 102 g/N = 160.119,6 g => 160,1 kg

Das schwächste gefärbte Seil trägt also 22,5 % weniger als das schwächste Rohseil.

(206,5 kg entsprechen 100 %, 1 kg entspricht 0,48 %, 160,1 kg entsprechen 77,5 %)

Alle Seile sind in direkter Nähe zu den Umlenkstellen gerissen. Durch den engen Radius und den Druck wirken sich hier die Kräfte am stärksten aus. Im Shibari-Alltag wären das Knoten oder Stellen, an denen das Seil um einen Ring o.ä. herumgeführt wird.

Das gerissene Seil

Natürlich sind das viel zu wenig Messungen, für eine wirklich aussagekräftige Messreihe. Das hier ist eigentlich nur eine Tendenz. Dennoch wird deutlich, dass das farbige Seil unter der Behandlung gelitten hat. Ich werde für mich daraus das Fazit ziehen, dass ich in Momenten, in denen ein Seil beim Shibari einer sehr starken Belastung ausgesetzt ist, ungefärbte 6 mm Seile nehme. Einfach für alle Fälle. Außerdem müssen stark belastete Seile nach einiger Zeit ausgetauscht werden (und ich möchte meine sehr zeitaufwändig gefärbten Seile ein bisschen länger benutzen können) und es ist mir vollkommen egal, wenn ich nun mit Farbe fessel/gefesselt werde und mit ungefärbtem Seil am Ende aufhänge/aufgehängt werde. Ich muss keine farblich perfekt abgestimmte Show liefern.

Das große Fazit

Wir hatten Spaß =D Und ein bisschen Stress, vor allem ich habe beim Spannen gestöhnt, die Farbe mieft beim Färben und die Seile müssen noch lüften… aber wir haben wunderschöne Seile, individuell bearbeitet, und wir wissen sie sehr zu schätzen. Der ganze Prozess war toll, wir haben viel gelernt, haben Erfahrungen gemacht und werden das vermutlich noch häufiger tun, es gibt noch so viele schöne andere Farben und Seile. Wir landen auch bestimmt wieder im Messlabor, wir wüssten gerne, wie sich andere Farben und andere Methoden auswirken.

Und nein, wir verkaufen diese Seile nicht. Wir möchten sie nicht hergeben und diesen Aufwand bezahlt uns vermutlich niemand, da steckt jetzt wirklich sehr viel Arbeit drin.


Das hier ist nicht als Anleitung für jedes Juteseil zu verstehen. Unser Seil war sehr fest gedreht, je nach Seilerei sind sie aber mal fester, mal lockerer. Ich wäre bei einem lockeren Seil in Kombination mit der Waschmaschine zum Beispiel vorsichtiger. Juteseil reagiert wohl auch eigentlich sehr unleidlich auf Wasser, quillt oder neigt zum Aufdrehen. Davon haben wir garnichts bemerkt, auch nicht bei den Stunden im Kochtopf. Daher seid bitte vorsichtig und guckt euch euer Ausgangsmaterial an, bevor ihr euch an die Bearbeitung macht.


Dies ist kein gesponserter Beitrag und keine Werbung. Ich bedanke mich zwar bei einigen Shops und Personen, aber wir haben unser Material selber gekauft und bezahlt, da wurde nichts geschenkt oder gesponsert.

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