Im Auge des Betrachters

Schönheit, ein heißes Eisen.

Das Thema begegnete mir heute bei Twitter, danach noch in Gesprächen, es ging um eine Gruppe im Joyclub, in der sich die besonders Attraktiven und Schönen versammeln.

Ich habe grundsätzlich kein Problem mit Gruppen in solchen Communitys, die aufgrund von bestimmten Kriterien andere ausschließen. Ich mag zum Beispiel keine Raucher, ich finde auch viele BWL-Studenten eher uncool und der ganze Mallorca-Fanboy-Club wird definitiv auch aussortiert. Ich finde es auch gut, dass der Veranstalter meiner Lieblings-Gothicparty nicht jeden reinlässt, sondern die Profile durchgeht und entscheidet, wer auf die Gästeliste kommt. Will sagen: es geht um bestimmte Vorlieben und Abneigungen, die jeder von uns hat. Gruppenbildung bei ähnlichen Interessen ist effektiv und sinnvoll.

Aber was genau bedeutet denn bitte „Schön“?

Natürlich gibt es in jeder Zeit gewisse Ideen von Schönheit, aber zum einen sind die einem steten Wandel unterworfen und zum anderen gibt es sehr viele Leute, die einen Dreck auf diese Schönheitsideale geben. Mein Joyclub-Postfach quillt über, obwohl ich absolut nicht den aktuellen Ideal entspreche.

Schönheit ist ein nahezu toxisches Thema, für so viele von uns. Für die zu dünnen, zu dicken, die mit den kleinen und großen Brüsten. Für die gerade Dreißigjährigen, denen schon die Haare ausgehen und deren Sixpack ums Verrecken nicht definierter wird. Für die Asiaten, die sich ihre Augenform korrigieren lassen, für all die Zahnspangenträger, die sich jahrelang nicht trauen, breit zu lächeln, für all jene mit Muttermalen und Narben, für all jene mit Makeln.

Ich bin dick. Schon immer. Meine Eltern sind auch eher rund, vielleicht kommt es daher, dass ich früher erstmal diese schlanken Menschen seltsam fand, diese schmalen Taillen, um die man mit zwei Händen herumfassen kann.

Aber irgendwann verstand ich natürlich, dass ich die andere bin, die seltsame.

Die, der fremde Menschen in der U-Bahn sagen, dass es schon schade sei mit dem Gewicht, dabei hätte sie ein so schönes Gesicht.

Die, der Mitschülerinnen in der siebten Klasse vorlügen, sie wären schwanger weil „Ich hatte Sex und du nicht, du wirst niemals Sex haben!“

Die, die sich selbst als eklig und unangenehm wahrgenommen hat. Die vollkommen schockiert war, als der spätere erste Freund sie beim Schwimmen einfach umarmt hat beim Rumblödeln. Und die dann in der ersten Nacht mit dem zweiten Freund weinend im Slip vor ihm stand, ängstlich, unsicher bis ins Mark. „Bist du dir sicher, dass du mich willst?“

Mich kann man nicht lieben. Ich war mir sicher. Ich bin zu hässlich, zu anders.

Die, die sich dann zwanzig Jahre später nicht traut zuzugeben, wenn sie jemanden nicht attraktiv findet, weil man muss nehmen was man kriegen kann. Und die hellhörig und skeptisch wird, wenn sich jemand meldet und Interesse bekundet, der doch so viel vermeintlich schönere Frauen haben kann. Was stimmt nicht mit dem? Warum ich? Die bis heute sehr klare Signale braucht, ein „Ja, ich will dich, dich, wirklich dich!“

Ich nehme an, ich bin nicht die einzige Dicke, die anfing, sich zu überlegen, wie sie möglichst unauffällig wirken kann. An welchen Gruppen man nicht alleine vorbeigehen möchte, nicht aus Angst vor den Taten, sondern aus Angst vor den Worten. Wo man sich im Bus am klügsten hinsetzt, damit man sich beim Ausstieg an möglichst wenig Menschen vorbei drängeln muss, weil es ist Sommer, man ist verschwitzt und weckt bestimmt Ekel, wenn es zu einem direkten Hautkontakt kommt. Oder man meidet die Öffentlichen einfach gleich, ebenso wie Partys oder ähnliches.

Mittlerweile bin ich zum Glück entspannter. Ich stehe schon mal halb nackt in einem Club rum. Dusche ohne Badeanzug im Schwimmbad. Habe Spaß im Swingerclub. Auf meiner ersten Party in einer Disko war ich übrigens mit 30, bis ich das erste man getanzt habe hat es noch ein bißchen länger gedauert. Heute laufe ich nur mit Strümpfen und Korsett auf der Fetisch-Party rum und tanze ohne eine Sekunde zögern.

Der Weg war lang und nicht einfach, aber ich denke, ich bin gut unterwegs. Ich brauchte und brauche Hilfe dabei, habe den Mut nicht immer parat, den mich manches noch kostet. Aber ich bin unterwegs und, ganz wichtig: ich nehme andere mit und unterstütze sie.

Und ich finde mich schön. Nicht immer, aber es gibt da Momente, in denen fühle ich mich unfassbar schön. Es sind die Momente, in denen ich leiden darf, in denen der Schweiß rinnt, der Atem stockt, das Gesicht vor Schmerz verzogen ist, das sind die Momente, in denen ich leuchte vor Glück.

Und genau das ist Schönheit für mich, dieses Leuchten. Das Wohlfühlen, Glück, mit sich für diesen Moment im Reinen sein. Schwammig und für jeden anders, wenn nicht im Großen, dann in den Details, nicht greifbar und absolut nicht geeignet, um nach diesem Gesichtspunkt Urteile zu fällen.

Das musste ich jetzt einfach mal loswerden.

Danke für’s Lesen.

PS: Ich schreibe aus der Perspektive einer Dicken, weil ich das selber bin. Ich weiß mittlerweile, dass es vollkommen egal ist, ob man dick oder dünn ist, wir leben nämlich nach der Devise „Irgendwas ist immer“. Ich weiß, dass schlank sein nicht alles gut macht und diesen Eindruck möchte ich auch nicht vermitteln. Mir ging es einfach nur um meine Erfahrungen als mopsiges Mädchen in dieser Welt.

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