Dinge von denen – Nähe und Distanz

Es ist seltsam, wie ein Thema sich manchmal festfrisst in einem und immer weiter ausbreitet. Es begann mit einer Überarbeitung meiner Seite hier, mit dem Nachdenken darüber, mit wem ich noch fessle und spiele und mit wem nicht, wen ich da streichen kann, und wie ich welche Beziehung führen möchte. Und jetzt zerbreche ich mir den Kopf über dieses generelle Problem von Nähe und Distanz in meinem Leben.

Dabei fällt es mir unheimlich schwer in Worte zu fassen, was ich hier wirklich sagen will. Hier spielen Ängste rein, vermutlich falsche Erwartungen, Sorgen, ein großes emotionales Chaos. Es verfolgt mich nun schon einige Wochen und langsam nimmt es Überhand, meine Psychosomatik schlägt an, ich habe Schmerzen, Panzer und Fassade bekommen Risse. Also muss ich versuchen, es greifbar zu machen, damit ich es aus mir heraus schreiben kann. Verzeiht, es wird bestimmt konfus.

Nähe und Distanz, Wissen und Nicht-Wissen

Zwei Seiten einer Medaille für mich. Vertrauen hat etwas mit Nähe zu tun, mit Reden, sich Offenbaren. Das tue ich. Oft ungefragt, ich weiß. Ich laufe einfach als sehr offenes Buch durchs Leben, das Herz eine offene Wunde, in die man schnell hineingerät, die auch schnell mal ziept und brennt und irgendwie nie verheilt. Dabei ist mir klar, dass andere nicht so sind, dass andere viel verschlossener sind. Da stelle ich dann Fragen, versuche zu ergründen, zu erfahren, meinen Platz in ihrem Gefühl zu verorten. Wer bin ich und wer darf ich für sie sein? Erst danach kommt die Frage: wer möchte ich für sie sein und ist das Dürfen und Möchten kompatibel? Und wenn ja, welche Regeln ergeben sich daraus, wie verhalte ich mich richtig? Das ist in einer Welt, die eben nicht mehr aus monogamen, traditionellen Beziehungen besteht, für mich tatsächlich sehr schwierig. Angst ist für mich ein zentrales Gefühl, Angst, jemanden zu verletzen, Angst verletzt zu werden. Und aus dieser Angst heraus suche ich meine Wege und taste mich vor.

Mit A war das anfangs schwierig. Wir hatten Sex, grandiosen Sex (also finde zumindest ich), aber so eine lockere Verbindung hatte ich noch nie, suchte erstmal nach den Regeln. Was darf ich dabei fühlen, kommunizieren, wann trete ich ihm zu nahe? Was darf ich fragen, wissen, was lieber nicht? Was möchte er wissen? Wir trafen uns, gingen in einen Club, ein Hotel, gingen danach jeder wieder nach Hause, und so ist es bis heute. Wir schlafen nicht nebeneinander, nur miteinander. Wir können über sehr vieles reden, schicken uns manchmal Fotos, berichten kurz was so los ist. Aber wenn ich ihn zu meinem Geburtstag einlade ist es komisch. Trotz gleicher Vorlieben nicht nur im Bett, es gibt da noch genug Serien und Bücher, Themen, die wir diskutieren. Aber es bleibt bei diesem Abstand. Und dieser Abstand tut manchmal weh. Wenn man gerade so viel körperliche Nähe erfahren hat und plötzlich alleine auf dem Weg nach Hause ist, da klafft eine Lücke. Aber diese Lücke gehört dazu, sie ist Teil unseres Spiels, sie ermöglicht eine gewisse Sorglosigkeit und Freiheit im Umgang miteinander. Ich für meinen Teil musste mich an dieses Spiel gewöhnen, aber ich möchte es nicht mehr hergeben.

Mit NHD habe ich diese Lücke nicht. Ich weiß sehr vieles über ihn, er weiß sehr viel über mich, das gilt nicht nur für unsere Erlebnisse mit Spielpartnern, auch für den, ich nenne es mal privaten, emotionalen Teil. Den Teil des Lebens hinter Sex und Lust, den Teil mit Familie, mit Freunden, mit den innigsten. Es gibt hier schon einen Beitrag zum Thema Grenzen im Polyland und der Erkenntnis, dass diese Grenzen wichtig sind und einen schützen können. Sei es nun vor Eifersucht, vor der Angst, die andere wäre besser als Sub oder Geliebte, oder was weiß ich. Und nun habe ich gelernt, dass diese Grenzen nicht weit genug reichen, was das Spielen und Vögeln angeht. Dass ich bei Menschen, die so tief gehen, über manches nicht wegsehen kann, was ich bei anderen vielleicht einfach abtun könnte. Eben weil mir dieser Mensch nicht so oberflächlich begegnen wie vielleicht andere. Ich habe mich an einer, nennen wir es moralischen Enttäuschung verbrannt, und bin noch nicht sicher, ob und wie diese Wunde heilen wird.

Da wäre diese Lücke schön, nicht wahr?

Allerdings wären unsere Treffen dann weit oberflächlicher verlaufen. Wir hätten nicht diese Feuerwerke gezündet, und wir hatten schon sehr, sehr farbenprächtige Momente. Wären wir nicht so offen miteinander, wir hätten uns vermutlich niemals getroffen. Auf der BDSM-Ebene fand ich ihn nämlich anfangs einfach nur bescheuert, es waren die stundenlangen Gespräche, die dieses Bild gerade gerückt haben, das Zuhören, das Erzählen, das Kennenlernen bis in die Tiefe. Nur so kam es zu dem Beginn, dem „Ich möchte, dass du mir wehtust“ vor genau einem Jahr. Wir wären beide nicht, wer wir heute sind, glaube ich. Und dafür bin ich sehr dankbar, auch wenn ich gerade nicht weiter weiß.

Nähe und Distanz, höhere Flüge und tiefere Stürze

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