Größtenteils gut

Andy und ich kennen uns seit ungefähr drei Jahren. Wir fesselten, mal regelmäßig, mal viel zu selten, seit dieser Zeit im Shibari-Club oder auf einem Talk-and-Play-Stammtisch. Durch die Corona-Pandemie ist das natürlich alles ausgefallen, daher haben wir uns in private Räumlichkeiten zurückgezogen. Aber wir waren noch nie wirklich alleine, immer waren andere, meist Twin dabei.

Im Shibari-Club waren es die Regeln des Vereins, die klare Grenzen setzten. Man blieb bekleidet, schließlich sollen sich an diesem Ort alle wohlfühlen. Auf dem Stammtisch hätten wir alle Freiheiten gehabt, aber er hat sich an meine Regeln gehalten, die Kleidung blieb in diesem halböffentlichen Rahmen an, es wurden höchstens die Brüste freigelegt, auch die Hose rutsche ein Stück, nie ganz. Aber wir hatten über das Thema schon geredet, ich wusste, er würde mir irgendwann an die Wäsche gehen wollen. Er wusste, dass er das durchaus darf. Und so verblieben wir und gingen langsam unseren Weg.

Als ich ihn das erste mal traf, kränkelte ich etwas rum. Dennoch wollte ich unbedingt an diesem Tag zum monatlichen BDSM-Stammtisch, zum ersten mal. Ich hatte mir das damals oft vorgenommen, bin dann aber nicht gegangen, weil… ja. Alleine ist sowas schwierig. Aber an diesem Mittwoch hatte ich es mir fest vorgenommen, ich war auch dank der Fahrschultheorie direkt um die Ecke. Also ging ich hin, ein wenig neben der Spur, nervös, aber mutig. Ich klingelte, ging die Treppen hoch und da stand der Stammtischleiter und begrüßte mich sehr herzlich. Und neben ihm stand Andy und musterte mich. Ich weiß noch heute, wie sich dieses Mustern anfühlte. Er guckte sehr tief und genau. Es ist nicht angenehm, so gemustert zu werden. Aber schon damals verstand ich es als Herausforderung. Und ich tat gut daran, an dieser Stelle nicht die Segel zu streichen, sondern mich dieser Situation zu stellen.

Fesseln mit ihm ist und war immer eine Herausforderung. Natürlich kann er auch einfach nett sein und einfach nett fesseln. Aber der nachhaltige Spaß, die persönliche Weiterentwicklung beginnt nunmal am Rande der Komfortzone, und da trieb er mich gerne hin. Und mit diesem Wissen hätte ich mich auf das erste Date alleine mit ihm seelisch eigentlich ein bisschen besser vorbereiten können. Aber nein. Und so war ich angemessen verwirrt, als ich nur noch mit meiner Strumpfhose bekleidet gefesselt auf meinem Wohnzimmerboden vor ihm lag.

Also es machte nicht „Plopp“, und meine Kleidung war weg. Er fesselte mich, schälte mich aus Shirt und Bustier. Machte mir deutlich, dass er weitergehen würde, und ich ihn durchaus mit Worten aufhalten könne, was ich aber nicht tat, und so schälte er mich weiter. Ich bat ihn darum, mir meinen Slip zu lassen, der blieb aber leider an meiner Hose hängen und verschwand mit (also tatsächlich, das passiert bei diesen Klamotten sogar gerne mir selber). Ich entschied mich, mit dieser Tatsache in diesem Augenblick klarzukommen und gab ihm das Go, weiterzumachen. Und so gab es zwar ein „Plopp“ der Erkenntnis in meinem Kopf, als ich in diesem Moment da lag, aber dahinter steckten ein Prozess und Entscheidungen, die ein paar Minuten gedauert hatten.

Gut. Also. Ja. Nein. Es ging mir größtenteils gut, körperlich zumindest. Ich sortierte mich in dieser Situation noch, als er mit meiner Erlaubnis zu meinem Handy griff, um ein paar Fotos zu machen. Dafür zog er mir die Augenbinde vom Kopf und ich sah ihn mit dem Handy über mir stehen. Und ich denke, wenn ich das nächste mal Phantasien habe, in denen ich mich gedemütigt fühlen möchte, genau das wäre der Moment, an den ich dann denken sollte. Genau an dieses Gefühl, nackt und verschnürt in den eigenen vier Wänden zu liegen, über einem ein angezogener Mann. Mit diesem Moment der Demütigung blühten weitere Gefühle auf. Scham. Verletzlichkeit. Hilflosigkeit. Angst. Ja, auch Angst, vor einem Menschen, dem ich sehr offensichtlich sehr weit vertraue. Ich brauchte einige Atemzüge, einen kurzen Moment des in die Kamera Guckens und Loslachens, dann war ich wieder bei mir und vor allem bei ihm.

Über diesen einen Moment zu schreiben löst jetzt, zwei Tage später, noch ein Kribbeln in meinem Kopf aus, ein Gefühl von Unwohlsein und Unbehagen. Ich habe schon am Abend danach festgestellt, dass ich vieles, was ich sonst eher wahrnehme, kaum erinnere. Die Seile taten weh, ja, aber daran erinnere ich mich eher durch die noch vorhandenen Druckstellen im Gewebe. Der Schmerz, die Anstrengung, das war in der Fesselung durchaus da, aber präsent sind zwei Phasen: der Tiefpunkt dort am Boden und die Nähe danach noch in den Seilen, das Auffangen nach dem Abfesseln, seine Umarmung, die Wärme, die Nähe, die Zeit danach auf der Couch. Diese zweite Phase war dabei so viel intensiver als die erste.

Dieses Date war insgesamt ein unheimlich spannendes Erlebnis. Er hatte ein paar Fotos von mir gemacht, die ich mir aber erst später am Abend, alleine angucken wollte. Er guckte sie nochmal auf meinem Handy durch und meinte schon, dass sie mir sicherlich gefallen würden. Ich hoffte es, zweifelte aber daran. Ich hatte die Sorge, etwas von diesen eher negativen Gefühlen auf den Bildern zu sehen, dass ich irgendwie verkniffen oder nicht glücklich wirken könnte. Und dass ich mir selbst nicht gefalle. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich wirke auf diesen Bildern unheimlich friedlich und entspannt. Und ich hoffe, dass mir neben dem Tiefpunkt auch diese Bilder im Gedächtnis bleiben.

Ich war nach dem Date vollkommen fertig, schlief in der Nacht schlecht, brauchte Zeit zum Nachdenken am nächsten Tag. Wir schrieben Emails hin und her, sprachen über diesen Gefühlsmix, der da in mir rumorte. Seit gestern abend aber strahle ich vor mich hin und fühle mich sehr gut. Ich mag dieses an die Grenzen gehen, ich mag es sogar, wenn man meine Grenzen verschiebt. Wenn man mir zeigt, wie weit ich eigentlich gehen kann, auch wenn ich mir selber das nicht zutraue. Das kann schiefgehen, natürlich, das Risiko gehen wir ein. Das kann auch nicht jeder machen, zwischen uns beiden funktioniert es gut. Wenn wir einen Fehler machen, lernen wir daraus. Ich werde das nächste Mal darauf bestehen, meinen Slip behalten zu dürfen. Aber ich möchte ein nächstes Mal. Ich möchte die Angst, dass er wieder weit geht. Möchte den Tanz an der Grenze. Möchte das Kribbeln im Kopf, das Unbehagen und das Hoch. Und manchmal auch das einfach nett Fesseln, mit sehr viel Schmerz und Lust.

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