Über das Dick sein

Es begann mit diesem Tweet von mir und mit der Frage, ob es diesen Zusatz mit „weil“ oder „obwohl“ überhaupt bräuchte.

Brauchen? Nein. Aber es braucht sich vermutlich auch kaum jemand Gedanken über eventuell zu kleine Brüste zu machen. Über einen zu kleinen Schwanz. Über Cellulite. Das ändert aber nichts daran, dass ich so denke und andere auch. Warum ich das tue? Weil das Dick sein, die körperliche Erscheinung, immer eine Rolle spielt. Selbst im Netz, selbst beim bloßen Austausch von Worten, weil der Umgang, den ich im täglichen Leben so habe, mein Verhalten prägt. Ich habe permanent das Gefühl, anders zu sein, falsch, hässlich, eklig. Ich habe permanent das Bedürfnis, mich für mich selbst zu entschuldigen, für mein Aussehen und die Unsicherheit die daraus resultiert. Dafür, dass ich mich ständig entschuldigen möchte.

Das tägliche Leben.

Alltag. Im Bus genau überlegen, wo ich mich hinsetze. Wo muss ich mich am wenigstens an Leuten vorbeiquetschen, gerade im Sommer ist das wichtig. Kurze Ärmel, verschwitzte Haut, ich will nicht aus Versehen jemanden berühren, der sich dann ungut fühlt. Ich habe Twin mal ziemlich angefahren, weil sie sich einfach unbedacht in einen Vierer im Bus gesetzt hatte. Der ungünstigste Ort, mitten in den Menschen, taktisch ziemlich unklug, wenn man an einer Haltestelle gegen den Strom aussteigen, an all diesen Menschen im Mittelgang vorbei muss. Und da habe ich erst verstanden, wie anders ich so eine Situation betrachte.

Schweiß ist überhaupt ein großes Thema. Es gibt extrem hoch dosierte Deos, aber sie brennen auf der Kopfhaut und im Gesicht. Ich habe es getestet. Im Sommer habe ich mir dann teilweise abends normale Deos auf die Kopfhaut gesprüht und das über Nacht einwirken lassen, damit mir tagsüber nicht so der Schweiß übers Gesicht rinnt. Ich habe mich viele Jahre nicht umarmen lassen zur Begrüßung, es gehörte in meiner Clique zum Glück nicht dazu. Begründung siehe oben. Ich bin morgens extra früh in die Berufsschule gefahren, höheres Stockwerk, Altbau. Ich bin noch heute gerne pünktlich da und akklimatisiere mich, möchte nicht, dass man mich verschwitzt sieht und sich ekelt. Im Winter habe ich lange lieber gefroren, als in warmen Jacken zu schwitzen. Ich bin dick genug, ich kann Kälte ab. Und wenn ich doch schwitze entschuldige ich mich dafür, oft. Immer. Auch im Hochsommer, wenn alle schwitzen.

Ekel. Auch ein großes Thema. In meinem Kopf sitzt der Gedanke, dass man sich vor mir ekelt. Ich bin fett, nicht dick. Dick ist eine 48 oder so, ich bin bei 52/54/56. Dick ist ok, dick finde ich sogar meist sexy und sinnlich, fett ist eklig. Meine Eltern haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich eklig bin, sie haben mir nur zu verstehen gegeben, dass ich abnehmen sollte. Ich wurde nie so wirklich heftig gemobbt, ich kann also nicht genau den Finger auf den Punkt legen, an dem dieser Ekel begann. Aber er sorgt dafür, dass ich jedem skeptisch begegne, der mich attraktiv findet (mit dem kann ja dann schon mal irgendwas nicht stimmen). Er sorgte dafür, dass ich bei meinen ersten Freund in Tränen ausbrach, als wir gemeinsam mit meiner damaligen Partnerin schwimmen waren und er mich im See einfach berührte. Freundschaftlich. Da war ein Mann, der mich, mich! einfach so anfasste, mit mir balgte, blödelte. Von sich aus. Was ging denn mit dem ab?? Ich war damals ungefähr 17. Dieser Ekel sorgt dafür, dass meine Hürden recht hoch sind, dass ich mich niemals zu Beginn einer Beziehung einfach ausziehe, wenn es um Sex geht. Ich will und muss gefühlt erobert werden, genommen werden. Warum? So kann ich sicher sein, dass der Partner das wirklich will, mich will, meinen Körper nicht abstoßend findet. Ich überlege jetzt schon länger, wann ich beim Sex das letzte mal oben war. Das könnte eine zweistellige Jahreszahl her sein. Gewicht, kurze Beine, dicke Beine, physikalisch ist das alles… Ja. Schwierig. Und dann sieht man mich von unten, haha. Nein. Einfach nein.

Kleidung. Ich kannte das Gefühl nicht, mal eben Klamotten shoppen zu gehen. Passierte ganz, ganz lange nicht. Hatte ich versucht, war deprimierend und demütigend. Ich war für meine Freundinnen meist der Ersatz für den ungeduldigen männlichen Partner, der vor der Umkleide wartet und kritisch kommentiert, für mich wollte ich niemals was gucken. Schon gar nicht in diesen Läden, in denen damals alle kauften und in denen XXL eine 42 war. Mittlerweile bin ich zum Glück alt genug für Ulla Popken, als junge Frau da rein zu gehen war weird. Also wenn ich spontan eine Hose oder ein Shirt brauche, muss ich nicht erst drei Tage warten. Aber ich bestelle dennoch lieber, dann muss ich nicht in Umkleiden stehen und an Kleidung scheitern, die mal wieder nicht passt.

Bestellen. Ich mag den McDrive. Da bekomme ich Essen, ohne mir die Blöße zu geben sowas zu essen. Es hat hat Jahre gedauert, bis ich mich wieder in McDonalds oder Burger King gesetzt habe um vor Ort zu essen. Alleine würde ich das heute noch nicht machen. Ein fetter Mensch bei McDonalds, klar. Selber schuld, wenn du dich SO ernährst, so wirst du nur noch fetter.

Und als dicker Mensch möchte man natürlich abnehmen. Logisch. Und man sollte auch. Weil Übergewicht ist an allem Schuld. Egal, warum man zum Arzt geht, abnehmen hilft, ob bei kaputten Knien oder Mandelentzündung. Am besten sind die Ärzte, deren Kumpel im örtlichen Krankenhaus die Magenverkleinerungen machen, die haben dann meist eine Info-Broschüre zur Hand, ungefragt. Danke. Und wenn einem die Motivation fehlt zum Abnehmen, hilft die Umgebung gerne weiter. Die Dauerpräsenz schlanker Körper in den Medien, der Werbung. Die Präsenz nicht schlanker Körper im so called Unterschichten-TV. Diäten, Diäten, Diäten in Zeitschriften. Fremde Menschen, die einem in der U-Bahn erklären, dass man ein so schönes Gesicht hätte, wenn man nur weniger wiegen würde. Ich habe erst in den letzten Jahren wirklich verstanden, dass auch schlanke Menschen Probleme mit ihrem Körper haben können. Für mich schien schlank zu sein immer DER einzig wahre glückselige Zustand zu sein. Warum sollten also schlanke Menschen mit sich unzufrieden sein?

Ich habe in den letzten Jahren abgenommen, 15 kg in drei Monaten. Das war ziemlich heftig für den Körper, es war anstrengend, die Ernährungsumstellung war begleitet von Krämpfen, Durchfall, drei Wochen Kampf. Doch dann kam ich gut zurecht, versuchte sogar langsamer abzunehmen, aber war doch ganz glücklich. Und dann streikte der Körper, ich fühlte mich… Falsch. Neben mir. Hormonell war vermutlich einiges durcheinander. Und ich guckte in den Spiegel und sah noch mehr Ekel. Es hat Monate gedauert, sich in diesem teilweise veränderten Körper wohlzufühlen, der jetzt anders an mir hing. Ein bisschen flacher an der Brust. Weniger ausgefüllt an Bauch, dafür… Welliger. Schwabbeliger. Die Oberschenkel werfen eine doofe Falte, weil auch da weniger Masse ist. Ich will sagen: auch dieser Weg ist nicht einfach, im Gegenteil. Ich möchte weiter abnehmen (schon allein, weil es leider nicht mehr die – 15kg sind), aber ich habe auch Angst davor. Wirklich Angst. Ich will keine so krassen Hautfalten, dass ich eine Operation brauche. Die Wunden dabei sind gigantisch und gefährlich.

Brauche ich also dieses „weil“ oder „obwohl“ ich dick bin? Hell, no. Ich würde heute auch jeden Blocken, der mir damit kommt. Ich möchte nicht für mein Fett geil gefunden werden, ich möchte diesen Fetisch nicht bedienen. Und ich möchte schon garnicht für etwas geil gefunden werden, womit ich selber so hadere. Ich möchte auch nicht ernsthaft „trotz“ meines Körpers gemocht werden. Dafür bin ich mir mittlerweile zu wertvoll. Aber ich war es lange nicht und es ist so einfach, in dieses Muster wieder zurück zu fallen. Es ist so einfach, sich klein zu machen. Einfacher als mit „Ich würde mich gerne an deinen Hintern kuscheln“ klarzukommen. Weil ich weiß, wie ich mich klein mache und mit „Ich bin ihm eh zu fett“ aus der Affäre ziehe. Es sind auch nicht die anderen, die so etwas zu mir sagen. Es ist mein Kopf, mein eigener Kopf. Weil es eben immer da ist, immer eine Rolle spielt, mich geprägt hat, mein Denken, mein Fühlen, mein Selbstwert, mein Bild von mir. Das geht nicht weg. Ich glaube nicht dran, dass es jemals verschwindet. Also muss ich einen Weg finden, damit zu leben. Ursu hat heute auf Twitter einen Weg beschrieben: Hör nicht auf die Hater im Kopf.

Das gilt übrigens alles nur für mich. Ich finde andere dicke Menschen nicht eklig, keine Sekunde. Dabei geht es nur um mich, um meine kaputte Selbstwahrnehmung.

Ich hoffe, ich konnte euch halbwegs verständlich machen, worum es mir ging. Und ich hoffe es ist klar, dass das hier meine persönliche Gefühlswelt ist und keine allgemeingültige Weltsicht aller adipösen Menschen.

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