Spielen im Grenzgebiet

Borderline. Hässliches Thema, wirklich hässlich. Aber für eventuelle und tatsächliche Spielpartner ist es wichtig, sich damit zu beschäftigen, es ist in manchen Momenten der Schlüssel, um die Situation zu entspannen.

Diese Diagnose bekam ich vor einigen Jahren, nach mehreren Jahren Therapie wurde sie wieder zurückgezogen. Ich bin nicht Borderline genug, aber ich habe gewisse Tendenzen in diese Richtung.

Erstmal die beiden Fragen, denen ich oft begegnet bin:

Ich ritze mich nicht. Meine Arme und Beine sind frei von Narben. Wenn ich mich verletze, dann meist aus Langeweile oder aus Lust, und dafür wähle ich andere Methoden als Klingen. Wenn ich Anspannung loswerden muss, weine ich, zocke, tue irgendwas, aber ich verletze mich nicht.

Ich trinke nicht, rauche nicht, konsumiere keine Drogen. In diesem Punkt bin ich die Langweilerin vor dem Herrn =) Meine persönliche Schwäche ist Shopping, Amazon liebt mich tief und innig. Geht es mir schlecht, bestelle ich gerne.

Was mich aber voll trifft ist dieses hier:

„Menschen, die von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen sind, leiden unter großer Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität und Integrität. Es ist ihnen nur schwer möglich, zu erfassen und wiederzugeben, wer sie wirklich sind. Gleichzeitig wird das eigene Selbstbild und der eigene Körper sehr negativ eingeschätzt“ – Prof. Dr. Martin Bohus, Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)

Ich bin zutiefst verunsichert was meinen Geist, meinen Körper, mein Ich angeht.

Den Körper hatte ich unter „Eine Anleitung“ schon kurz erläutert, daher spare ich mir das jetzt. Worum es mir eigentlich geht sind die Emotionen.

Ich fühle viel, schnell, heftig. Ich interpretiere Worte, Gesten, Blicke und bilde daraus Gefühle, die leider erst nach dem Fühlen auf „Richtigkeit“ kontrolliert werden. Hat er das so gemeint? Hab ich das falsch verstanden? Warum hat er das jetzt gesagt? Ich werde nachfragen, teilweise bei den für andere deutlichsten Hinweisen. Kommunikation ist mein Weg, mich über diese emotionale Ebene zu erheben, und diese ein Stück weit zu sortieren. Ich analysiere, frage, rede und kläre die strittigen Punkte. Aber dazu muss das Gegenüber bereit sein.

Ähnliche Gefühle verschwimmen bei mir gerne mal. Beispiel: In meine besten Freunde war ich zwischendurch fast immer mal tierisch verknallt. Diese Gefühle tauchen auf und vergehen wieder (Selten ist jemand damit so souverän umgegangen wie Du, Mitlesender :*) Was bleibt ist Zuneigung, Vertrauen, Sicherheit, Loyalität, eine tiefe Freundschaft.

Die Auswirkung auf eventuelles Spielen: ich finde dich vermutlich nicht nur sympathisch, ich bete dich an. Aber ich will dich nicht besitzen, nicht für mich alleine, will mich nicht für den Rest meines Lebens an dein Bein ketten um bei dir zu sein. Das ist ein zeitlich begrenzter Effekt, und das ist mir vollkommen bewusst. Am nächsten Tag vermisse ich dich etwas, am übernächsten bist du bei mir emotional wieder auf dem jeweiligen normalen Niveau angekommen.

Das vermutlich größte Problem ist nicht, was ich wie fühle, sondern dass ich mich selber als ungemein kompliziert und schwierig einschätze. Ich möchte Erfahrungen machen, möchte Menschen kennenlernen, renne aber mit einem „Vorsicht, ich bin SCHWIERIG“ Schild herum. Ich habe schon als Kind verinnerlicht, dass ich nicht einfach bin, ich übertrieben reagiere, mir Dinge einfach nur einrede. In der Folge hat sich dieses „Nippel durch die Lasche“-Gefühl manifestiert. Und wenn sich heute jemand für mich interessiert, denke ich nicht „Yay!“, sondern „Warum das denn? Weiß der nicht, wie anstrengend ich bin?“.  Das ist natürlich nur bedingt hilfreich. Gegen dieses Gefühl von Unzulänglichkeit kann ich wenig tun. Du kannst mir deine Zuneigung zeigen, aber ich werde sie wohl früher oder später wieder in Frage stellen. „Bin ich dir wirklich genug?“ Und dagegen habe ich noch kein Mittel gefunden.

Ich finde es wichtig, all das hier zu erklären. Auch wenn es in mir die Angst hervorruft, jemanden zu verschrecken. Aber wenn es dich verschreckt, könntest du auch nicht damit umgehen.

 

 

 

Eine Anleitung*

Tara. 29 Jahre alt. Verheiratet, alleine lebend, offene Beziehung. Alle Freiheiten, meine Entscheidung. Mein Mann: mein Herz, mein Berater, mein Mitwisser.

Curvy. BBW. What ever. Nennen wir es Dick. Bei 1,65 m sind es >130 kg. Knie sind kaputt, knien, hocken, auf Dir sitzen und Dich reiten: nein. Komplexe sind vorhanden. Ich habe durchaus eine große Klappe, aber ich werde ängstlich wenn es unter die Kleidung geht. Es ist eine Hürde. Wenn ich sie nehme, hat sich dieses Problem recht schnell gegeben.

Die große Klappe. Ich bin nicht dumm und schon gar nicht auf den Mund gefallen. Aber ich mag Knebel. Und Ohrfeigen. Und Kämpfe, die ich verliere. Das Blitzen in den Augen, der Triumph des Gegenübers. Du wirst Deinen Weg finden, damit umzugehen.

Ich bin Emotion. Ich reagiere über und unter, mein Kopf muss ab und zu zurechtgerückt werden, ich muss aufgefangen werden, nicht nur in der Session. Daher: klare Worte, keine Missverständnisse. Sag, was Du willst und was Du erwartest. Und spiel nicht mit mir. Körperliche und seelische Schmerzen gehen bei mir Hand in Hand. Du erzeugst bei mir Schuldgefühle, lässt einen Konflikt ungeklärt, lässt mich zappeln = ich habe  Schmerzen und schlechte Laune, blockiere mir dadurch meinen Alltag und ein Stück weit mein Leben. Und dafür bin ich mir zu schade. Das heißt auch: Du musst gefestigt sein in Dir, in Deinem Leben, in Deiner Partnerschaft.

Neugier, Analyse, Wissen wollen. Ich frage, möchte verstehen, möchte lernen, begreifen, was Du tust, warum Du das tust, was Dich daran kickt. Diese Meta-Ebene ist mir sehr wichtig. Kommunikation ist die Basis.

Kommunikation braucht aber auch Zeit. Mich mit mir bisher nahezu Unbekannten zum Spielen treffen? Wird nicht passieren. Ich kann Deine Schlampe werden, aber ich bin erstmal Diva. Rede mit mir. Vermeide Dinge wie „Hallo Bückstück, wir kennen uns nicht, ich würde dich gerne mal ficken!“. Penisfotos: Kein Interesse. Ich bin kein Fickstück, keine Stute, keine Bitch. Ich bin ein Mensch mit einem Namen, Tara lautet er für Dich. Niveau ist keine Handcreme und wie bereits getwittert: Style – separates the men from the Boys. Das gilt auch für Deine Wortwahl.

Das klingt jetzt vermutlich kompliziert. Aber ich denke, der Aufwand lohnt sich. Wenn es klickt und ich für Dich brenne, kriegst Du eine wortgewandte, intelligente (Spiel-)Partnerin, du kriegst Zuneigung, Dankbarkeit, Begeisterung, Du kriegst leuchtende Augen. Ich werde an Deinen Lippen hängen, werde sein, was ich für Dich sein darf, Deine Befriedigung ist mein Ziel. Wenn Du mich zufrieden anlächelst, steht meine Welt still.

Und wenn nicht können, wir uns auch einfach gut unterhalten =)

*Geschrieben mit einer gewissen Enttäuschung im Bauch. Verzeiht mir negative Schwingungen.

Glühende Kohlen

Gestern habe ich den Tag mit meinem Liebhaber im Swingerclub verbracht. Es war ein sehr schöner Tag. Mittlerweile genieße ich die Atmosphäre und kenne schon einige der Besucher. Man sitzt gemeinsam im großen Garten, redet, scherzt, bevor man sich zurückzieht um sich dem körperlichen Vergnügen hinzugeben. Sehr entspannend, das alles =)

Ich verbringe sehr gerne Zeit mit ihm. Ich lerne, mache Erfahrungen, habe sehr viel Spaß. Ich möchte keine Zahlen nennen, aber es gab bisher nicht viele Partner in meinem Leben, ich war Serienmonogamist mit kurzen Ausbrüchen.

Vor allem lerne ich mich kennen. Lerne mich lieben. Lerne, mich zu akzeptieren, dadurch, dass mein Partner das tut und zwar nicht aus Liebe und Zuneigung, sondern aus LUST. Das fühlt sich wirklich anders an. Sex kann wirklich sehr unterschiedlich sein. Meine bisherigen Erfahrungen waren sich alle recht ähnlich, das jetzt ist anders. Und ich möchte mehr davon, möchte mich an das eigentliche swingen herantasten, möchte mich irgendwann mitten in einem Gangbang wiederfinden. Ich bin gespannt, da geht noch viel =)

 

 

Märchen für Erwachsene

BDSM lebt von Phantasien, von Wünschen und „ich würde ja gerne mal“ und „ich wüsste gerne, wie das wäre, wenn“. So vieles lässt sich umsetzen, oft mangelt es eher am Mut als an der Möglichkeit. Aber es gibt auch unrealistische Szenarien. Träume. Phantasien. In Buchform sind es für mich: Märchen.

Die O ist für mich eines dieser Märchen. Ich habe das Buch gelesen, habe die Verfilmungen gesehen und finde die Phantasie extrem ansprechend. In diesen festen Ritualen, dieser starren Gehorsamsstruktur steckt soviel Freiheit, wer würde sich nicht danach sehnen? Er entscheidet für mich, er agiert, er befiehlt. Ich reagiere, richte mich nach seinen Befehlen. Perfekt! Wenn ich an die großen Entscheidungen denke, die ich in den letzten Jahren getroffen habe. Die Kraft, die mich das gekostet hat. Wo ist der Vertrag? Ich unterschreibe. Als ich vor 10 Jahren mit dem praktischen BDSM begonnen habe, hätte ich das vermutlich getan, schon aus Lust an dieser Situation.

Aber 10 Jahre später weiß ich sehr genau, dass ich keine O bin. Für eine kurze Zeit ja, aber für immer? Ich bin ein diskussionsfreudiger Mensch, ich wehre mich gerne, ich habe es bisher aus jeder Handfessel geschafft, wenn auch mit Schürfwunden. Und dennoch kickt mich der Gedanke als O vor einem Herrn zu knien unglaublich. Ihm zu dienen. Alles für ihn zu sein. Aber irgendwann käme eine Grenze, die ich nicht überschreiten sollte. Und ich würde sie überschreiten. Wäre frech. Würde ihn reizen. Würde dieses selbst geschaffene Bild zerstören.

BDSM lebt von Phantasien. Rollen, die man gerne spielen würde, nein, die man gerne ausfüllen würde. (Spielen ist da einfach zu wenig.) Mit der Zeit und den Jahren kristallisierte sich bei mir aber heraus, was geht und was eben nicht. Die Realität lässt sich zeitweise verleugnen. Dessen muss man sich bewusst werden. Hinter der Maske ist man noch immer man selbst. Diese Märchen lassen sich (mit großer Wahrscheinlichkeit) so, wie sie geschrieben stehen, nicht erfüllen. Die Aufgabe ist, sich seine eigene Version zu entwerfen und zu gestalten.

Stell dir vor, du gehst arbeiten, einkaufen, kümmerst dich um dein Leben, triffst deine Entscheidungen als freier, wissender Mensch. Und bevor ER dich besucht rasierst du dich, setzt dich in High Heels und halterlosen Strümpfen, die Gerte neben dir, neben die Tür und wartest auf ihn. Schloss, Ausbildung, Brandzeichen… ja. Nein. Wohl eher nicht. Aber Lust, Liebe, Schmerz, Gehorsam, sogar Zirkel von willigen Männern lassen sich realisieren. Sei neugierig. Lerne. Probiere. Scheitere. Versuche neues. Sapere Aude.

Dennoch mag ich diese Märchen. Sie gewähren Einblicke in andere Köpfe, liefern Ideen, Input für das Kopfkino. In diesem geht man die Filme dann durch und klopft die Szenen ab. Wäre das was für mich? Würde ich mich da wohlfühlen? Und warum hab ich mir vorher kein Handtuch auf den Stuhl gelegt?

Das Märchen unserer Zeit ist sicher Shades of Grey. Ich war skeptisch, wie wohl alle in unseren Kreisen. Und ich bin auch nicht der Meinung, dass es das BDSM-Thema sonderlich gut repräsentiert. (Und danke dafür, dass Mr. Grey natürlich nicht einfach auf BDSM steht, sondern traumatisiert ist und damit seine Erlebnisse kompensiert. Danke. Das lässt uns wirklich super aussehen!) Aber: Als Märchen finde ich es einfach toll, es ist eine Phantasie, in der ich gut versinken konnte. Und als eben dieses wurde es ja auch geschrieben. Und sobald ich das akzeptiere, sobald ich verstehe, dass ich niemals die Figur in diesem Buch sein kann, kann ich Ich sein und mich selbst erkunden. Vielleicht mit ihren Werkzeugen und zu ihrer Musik spielen, aber das sind nur Anknüpfungspunkte. Und ab da beginnt dann der eigene Weg.

 

 

 

Facetten

BDSM ist ein verdammt weites Feld. Ich kann nicht behaupten, dass ich viel erlebt habe, aber die wenigen Erinnerungen die ich habe, wollte ich mal wieder besuchen. Hier ist eine davon.

Berlin im Winter vor einigen Jahren. Eine kleine Ferienwohnung, gemietet über eine SZ-Bekanntschaft. In einem Orion am Ostbahnhof fanden wir diese Maske. Wir hatten mit diesem Thema schon herumgespielt, hatten auch bereits eine Maske, aber diese Mischung aus Leder im Gesichtbereich und dehnbarem Material am Hinterkopf war beinahe perfekt. Dahinter konnte man komplett verschwinden. Reaktionen, Blicke, das Lächeln saßen gut versteckt hinter dem Leder.Ber 096.jpg

Ich liebe am BDSM, dass er erlaubt die Maske fallen zu lassen. Und manchmal geht das hinter einer solchen am Besten.

Das Sichtfeld ist extrem eingeschränkt, wenn man die Augen dahinter nicht einfach ganz geschlossen hat. Die Atmung durch den Mund funktioniert. Sobald der Mund anderweitig benutzt wird, wird es aber schon schwieriger.

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Ich war hinter diese Maske kein Mensch mehr, ich war sein Objekt. Deko. Möbel. Ding. Das hatte mir die Möglichkeit gegeben, wirklich abzuschalten. Ich wurde ruhig und nach etwas Eingewöhnungszeit war ich sehr entspannt. Kopf und Geist schwiegen, der Körper wartete, auf Anweisung und Verwendung. Da war keine Anspannung, keine Ungeduld, kein: was tut er jetzt?? Da waren „nur“ Stille und Vertrauen.