Die Liebe zu den Nadeln

Triggerwarnung: Bilder von Kanülen, Piercing und Faden in der Haut

Klein-Tara war ungefähr elf Jahre alt, als sie in der Bravo zum ersten Mal etwas von Piercings las. Zungenpiercing. Das neue Ding. Und Klein-Tara wusste: Ich möchte sowas. Es sollte natürlich noch bis zum achtzehnten Geburtstag dauern, aber dann war es so weit. Pünktlich um 12:10 Uhr, 10 Minuten nach Öffnung des Piercingstudios, hatte ich mein Zungenpiercing.

Wenige Monate danach ging es weiter und so sammelten sich mit der Zeit ein wenig was an: Brustwarzen, Klitorisvorhaut, Septum, Unterlippe, Drosselgrube. (Wobei ich Septum und Drosselgrube schon nicht mehr habe.)

Und jetzt das erste Industrial. Die beiden einzelnen Stecker werden irgendwann durch einen langen ersetzt, aber zum Abheilen sind die beiden kurzen erstmal besser. Die Knorpel im Ohr habe ich lange vor mir hergeschoben. Sehr schmerzhaft, kann beim Stechen knirschen. Ich hatte mich eher nach einem Klitorispiercing erkundigt als nach dem Industrial, nur um den Respekt vor diesen Piercings im Ohrknorpel zu verdeutlichen. Es war auch schmerztechnisch definitiv von allen am schlimmsten >_< Der Mindfuck war in der Drosselgrube aber heftiger.

Dass ich auch noch die andere Seite stechen lassen werde, macht mich gerade nicht sehr glücklich. Aber Piercings sitzen bei mir eben mittig oder symmetrisch. Muss also. Der innere Monk möchte das so. Und es macht ja auch Spaß, nach dem Schmerz. Der Rausch gestern war grandios und ich kann wieder sehr gut nachvollziehen, warum ich das früher in einem gewissen Rhythmus gemacht habe. Es knallt einfach verdammt gut rein =D

Trotz meiner durchaus vorhandenen Erfahrung war ich sehr nervös. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man selber eine nette dünne Nadel setzt, oder ob einem jemand anders eine mehrmals so dicke Nadel irgendwo durchschiebt (und der Knorpel war eben mein persönlicher Endgegner). Brrr. Dabei ist vor allem dieses “jemand anders” ausschlaggebend. Diese Macht aus der Hand zu geben ist nicht so einfach, im Piercing-Studio aber noch sehr viel einfacher als im BDSM-Kontext.

Nadeln im BDSM-Kontext sind ein schwieriges Thema Für viele ist das ein No-Go. Nadeln gehen unter die Haut, die Stellen bluten, wenn auch nur in winzigen Mengen. Ich muss auch sagen, ich setze sie wahnsinnig gerne bei mir, kann mir aber nicht vorstellen, sie bei jemand anderem zu setzen. Tiefere Verletzungen der Haut sind einfach eine innere Hürde, die ich gar nicht überwinden möchte. Kratzer sind kein Thema, die kann man mit Nadeln auch sehr schön ziehen, aber wirklich reinstechen oder auch schneiden… Nein.

Auch die andere Seite ist schwierig, die des Nadelkissens. Bezahle ich jemanden für einen medizinisch ablaufenden Pieks ist das noch relativ entspannt, wenn auch mit Schweißausbruch und ein bisschen Mimimi. Möchte da jemand aus Lustgründen an mir rum stechen… Ja. Also. Vertraue ich diesem Menschen? Wie sehr Spielkind ist er, wird er meine Grenzen respektieren? Wohin möchte er denn stechen? Und womit? Wird er aus Neugier Dummheiten machen, oder lässt er sich davon nicht mitreißen? Bin ich entspannt genug, ist mein Kreislauf entspannt genug?

Mir fielen letztens alte Fotos in die Hände, Bilder von Batman und mir, und da steckten einige Nadeln in meinem Oberschenkel. Wir haben also damit damals (so vor zehn Jahren) schon experimentiert, auch wenn ich das tatsächlich nicht mehr weiß. Ich erinnerte mich nur an die Nadeln, die ich damals selber schon gesetzt habe. Damals war es wohl die Angst vor dem Instrument gepaart mit Bildern aus der SZ, die mich neugierig machten. Und ich wusste schon durch die Piercings, dass der Körper interessant auf Nadeln reagiert.

Diese Erfahrung, dass mich jemand anderes sticht, durfte ich letztens nochmal machen, bei NHDs letztem Besuch bei mir. Er hatte einen Nadelworkshop besucht und ich war gespannt, wie es sich anfühlt, diese Macht aus der Hand zu geben. Mein Rücken eignet sich leider nicht dafür, auch wenn ich das gerne probiert hätte. So landeten wir da, wo ich auch immer die Nadeln setze, an meinen Brüsten. Es war interessant, diese Mischung aus Nervosität, diese innere Anspannung, das Wissen, dass sich dieser Schmerz eigentlich wirklich in netten Grenzen hält, aber es eben nicht meine Hand, nicht meine Entscheidung ist, die die Nadel führt… der Kopf schwirrte und fand dann Ruhe, als die Nadeln saßen und der Körper reagierte. Endorphine.

Richtig spannend wurde es, als wir später zu Nadel mit Faden griffen. Steril verpackt aus dem Medizinbedarf, sehr feine, gebogene Nadeln mit einem Faden, der beim Durchziehen nicht schneidet. Ok. Ich war neugierig! Damit selber hantieren ist sehr schwierig, muss ich sagen, ich müsste das Greifen mit den Zangen definitiv erst üben. Aber NHD hatte geübt und nähte so schließlich vorsichtig an mir herum. Die Nadel war kaum zu spüren, der Faden ziepte ein bisschen. Aber der Kopf! Ich guckte ungläubig, wie der Faden durch meine Haut glitt, zupfte daran, fühlte die Spannung, fand das einfach nur seltsam, abgefahren, war mir nicht sicher, ob mein Kreislauf nicht doch irgendwann einfach umkippt. Was für ein Mindfuck! Er verknotete den Faden und wir warteten ein paar Momente, ließen die Gefühle erstmal wieder runterkommen, bevor wir ihn entfernten.

Ich habe mir ein paar Nadelsets aus seiner Tasche stibitzt. Damit werde ich sicher noch herumexperimentieren, also zumindest an mir selber =D

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