Kuscheln mit dem Hasen – eine Reise nach Berlin

Prolog

So war das alles garnicht gedacht.

Aber wann ist es das schon =)

Ich klopfte an sein Postfach, weil ich Fragen zum Thema Keuschhaltung hatte, die er mir netterweise ausführlich beantwortete. Ich wollte das Konzept verstehen, das Ausblenden des mit stärksten Triebes, um all die Gefühle dahinter viel deutlicher zu spüren. Das klang faszinierend und begegnete mir in der ersten Jahreshälfte immer wieder bei unterschiedlichen Gesprächspartnern. Ich kam von dem Thema nicht los. Und nach dem ersten Gespräch auch nicht mehr von ihm.

Aus dem ersten geplanten Treffen wurde leider nichts, es zog sich alles hin, wir schrieben, testeten an, ich versagte bei regelmäßigen Aufgaben, zweifelte an mir, sah es nicht ein, ließ mich ermutigen, wollte es wissen. Und schließlich trafen wir uns am letzten Wochenende in Berlin.

In einem nahegelegenen Club gab es eine passende Veranstaltung, Kinky Cuddling. Kuscheln, angezogen, bewusst nicht direkt mit sexuellem Schwerpunkt, sondern erstmal den anderen spüren, sich nahekommen. Perfekt. Dennoch waren wir beide ein wenig skeptisch und möppelig. Nahmen Spielzeug mit. Wollten uns an irgendeinem Punkt zurückziehen aus der Meute.

Jede Zelle meines Körpers schreit „Ficken!“

Im Club begrüßte uns die Veranstalterin sehr herzlich, wir (ok, ich) schmiss mich in gemütliche Klamotten (mit Strapsgürtel und Strümpfe, ich liebe dieses Detail einfach) und gaben dem Ganzen eine Chance. Wir guckten uns um, neben der großen Fläche mit den Couches und den Puzzlematten am Boden, gab es einen schlauchartigen BDSM-Bereich. Dort standen verschiedene Spielmöbel, das spannendste für mich war allerdings ein kleiner Raum, rechts und links eine Bank, bzw eine gepolsterte Fläche, zwar ohne Tür, aber definitiv zurückgezogen. Ich saß auf der Couch, mein Hase kniete vor mir, wir guckten uns um, sahen zu, wie sich nach und nach der Raum tatsächlich füllte. Und dann ging es los.

Wir begannen den Abend mit Tanzen, zu „Happy“ und „Schüttel Deinen Speck“ lockerten wir uns auf und schüttelten den Stress ab. Dann folgte eine Umarmungsrunde: Wir liefen durch den Raum und umarmten und begrüßten die anderen Teilnehmer, nahmen den ersten Körperkontakt auf. Und dann suchten wir uns jeder einen kleinen Fleck in diesem Raum und kamen mit einer kurzen Meditation zur Ruhe. Wir sollten uns spüren, unseren Körper, auch unsere Lust, die Vorfreude auf das, was da kommen sollte, uns selbst umarmen und schließlich die Hände langsam wandern lassen, von uns zu den anderen.

Der Hase und ich blieben für uns, wir streichelten und küssten uns, zaghaft, mutiger, stürmisch, und wieder sanft. Dabei spielten wir mit der Augenhöhe zwischen uns, nie waren wir auf einer Ebene. Mal ließ ich ihn zappeln, seine Lippen so nah an meinen, mal zog ich ihn näher, und ließ uns in diesem Kuss versinken. Und das war abgefahren. So dermaßen abgefahren. Es erregte mich, ließ mich vibrieren, ich hatte einfach nur Lust auf ihn und dieses Spiel zwischen uns. Das Knistern war ohrenbetäubend. Das Kuscheln ohne sexuellen Schwerpunkt… nunja wir führten es etwas ad absurdum. Ohne unter meine Kleidung zu greifen, hatte er mich in einen Zustand extremer Erregung versetzt und ich war sehr, sehr froh, als diese Runde endete.

Er besorgte uns Getränke und ging schon mal in den kleinen Raum, ich verschwand nochmal aufs Klo, schnappte mit die Spielzeugtasche und ging ihm hinterher.

Der erste Schlag

Er erwartete mich in der klassischen Sklavenposition, auf dem Boden kniend, die Beine geöffnet, die Hände auf den Oberschenkeln. Wow. Das war eine ganz neue Situation. Sprachlosigkeit, dann „Oh, Hase <3“ (Ich hoffe, das Herz war deutlich hörbar.)

Ich bat ihn auf die Beine und wir gingen erstmal die Spielzeuge durch, die ich dabei hatte. Flogger, Peitschen, Pieksroller, Brettchen, ich hatte ein wenig Auswahl eingepackt und wir einigten auf „Wir fangen erstmal an und gucken mal, bis wohin wir uns arbeiten“. Er stapelte ordentlich seine Kleidung auf der Bank und stellte sich an die Wand. Und ich stand mit dem Flogger hinter ihm.

Gut.

So weit, so gut.

Räusper.

Also der Flogger tut echt nicht weh, der streichelt nur.

Und ich müsste einfach.

Ausholen.

Und dann zuschlagen.

Ok.

Fuck.

Meine Güte, wie schwer mir das fiel!! Ich kenne jedes Instrument, hatte sie alle schon mal in der Hand, weiß, wie sie sich anfühlen, weiß, welchen Schmerz ich damit auslösen kann und beim Flogger: welchen Schaden ich da sicher nicht anrichten kann. Aber dennoch. Fuck. Ich kam mir vor wie ein Mensch aus einem anderen Universum, der noch nie, nie, niemals einen Flogger in der Hand hatte.

Aber es ging. Es dauerte, aber es ging irgendwann. Erst der wirklich nette Flogger. Dann der nicht ganz so nette Flogger. Die Peitsche. Die Pieksroller. Die Fingernägel und Handflächen einer netten Dame, die mal kurz reinschaute. Das Brettchen. Und das reichte für diesen Abend. Phew.

Ich habe es irgendwann geschafft, aber diese Hürde war doch nochmal so viel höher, als ich dachte. Trotz so langer Zeit des Grübelns davor. Trotz der geistigen Vorbereitung. Ich habe es geschafft, aber das wird bitte einfacher mit der Zeit. Und ich werde üben. Ich möchte diese Bewegungen einfach drin haben, das Ausholen, das Zuschlagen, möchte den Kopf frei haben, um meinen Sub genießen zu können. Das werde ich schaffen, da bin ich mir sicher =)

Aber das wohl wichtigste an diesem Abend war nicht meine Überwindung, sondern das Auffangen. Er fing mich auf. Stellte sich meinen Zweifeln und Ängsten entgegen, ließ mich überhaupt die Kraft finden, diesen Schritt zu gehen. Wir redeten über diese ganze Wirrwarr in mir, er wusste, dass er diesem begegnen würde, und kam gut damit klar. Und irgendwie endete ich nach diesem Gespräch wieder ziemlich erregt unter seinen Händen. Fragen Sie nicht. Es war perfekt. Es war einfach perfekt.

Er zog sich wieder an, ich packte das Spielzeug ein, wir verabschiedeten uns von der Veranstalterin und verließen den Club. Ins Bett fiel ich in dieser Nacht irgendwann gegen drei, glücklich, aufgewühlt, erschöpft.

Und nun ist manches einfach anders.

Aber wunderschön anders.

Scheiterhaufen

Ich möchte ihm Schmerzen zufügen.

Ich möchte ihn demütigen.

In diesen Punkten bin ich mir sehr sicher, sehr, sehr sicher. Jede Angst, dass sich diese Bedürfnisse als Einbildungen entpuppen, als „Ich möchte das, weil ich weiß, dass er das möchte und ich ihm damit etwas gutes tue“, hat sich erledigt. Das Jucken in den Fingern ist da. Aber ich habe noch etwas viel spannenderes entdeckt, was ich so garnicht auf dem Schirm hatte:

den Verzicht auf den Höhepunkt.

Und damit meine ich nicht nur den schnöden Orgasmus.

Also auch dieser Verzicht ist verdammt geil. Ich habe ja eh selten einen Orgasmus, aber ich habe den Weg dorthin noch nie so… zelebriert, die Erregung noch nie so ausführlich brennen lassen. So bewusst genossen wie an diesem Abend. Entferne das Ziel und gehe dennoch den Weg in diese Richtung. Nur langsamer, aufmerksamer, intensiver. Es geht um den Rausch der einzelnen Schritte, den Rausch der Steigerung, die höher und höher führt, aber nicht aufgelöst wird. Dieses langsame Abklingen der Erregung, die auch Stunden später, am Tag danach, noch immer im Hinterkopf lauert, die mit einem Kuss nach oben schießt und mir die klaren Gedanken raubt. Das ist neu für mich.

Und es ist perfekt.

Aber ich meine eher den Verzicht auf ein stetiges größeres Machtgefälle. Ich möchte kein permanentes „Sie“. Ich möchte ein „Ja, Sir“ in den richtigen Momenten (Ja, „Sir“, nicht „Lady“, nicht „Mistress“, ich bevorzuge Sir, danke. Hellsing-Kenner fühlen sich vielleicht an jemanden erinnert.) Aber ebenso den Verzicht auf Augenhöhe. Da ist immer ein Machtgefälle, ein winziges, aber es ist da. Da sind Grenzen, die er nicht antastet. Er mag mich Teasen, mir Lust schenken, mich zittern lassen, aber er tut das mit Vorsicht und Respekt. Ich bleibe zum Beispiel angezogen. Er käme niemals auf die Idee, ein Kleidungsstück unaufgefordert zu entfernen oder zur Seite zu schieben. Er käme auch niemals auf die Idee, mich unaufgefordert zu küssen. Die letzten Millimeter gehören nur mir, es ist meine Entscheidung ob ich über seine Lippen lecke, ob ich ihn anknabbere, oder ob er mich küssen darf, bis mir Hören und Sehen vergeht. Wo diese letzten Millimeter beginnen ist auch meine Entscheidung. Und es ist meine Entscheidung, ob ich ihn an seinem Halsband an mich ziehe oder von mir fernhalte. Ob ich ihn an der Hand halte oder an der Leine. Es ist meine Entscheidung, in welche Größendimension ich das Machtgefälle gerade ziehen möchte.

In meinem Kopf sah das anders aus, klassischer, orientiert an dem D/s, den ich selber erlebt habe, von dem man liest und hört, orientiert an dem, was man in unserer Subkultur eben so grundsätzlich unter Machtgefälle und D/s versteht. Aber ganz ehrlich, das ist mir zu statisch. Schon das Mindset, das hinter dem Siezen steht, ist mir zu starr. Es gab Momente, in denen ich Angst hatte, dass mir dieses „Ich führe, du folgst“ zu einsam wird. Ich bin keine reine Sadistin und ich hatte die Sorgen, dass auch wenn ich dieses Stöhnen und sich Winden sehr erregend finde, es mich irgendwann schlicht langweilt. Ich brauche etwas Dynamik, ich will spielen, ich will Flow.

Und dann begann er, mich zu erregen. Er spürte, welches Vergnügen er mir damit bereitete und wie ich die Berührungen genoss. Wie ich ihm Raum ließ, selber zu handeln, seine Grenzen zu ertasten. Und wie gleichzeitig etwas in mir erwachte und lauerte, darauf, dass er brav in diesen Grenzen bleibt. Wie dieses etwas knurrte und sich wieder und wieder Teile des Dominanzraums zurückholte. Es fühlt sich an wie ein Tanz, gemeinsam und harmonisch, Führen und Folgen, eng aneinander oder eine Armlänge voneinander entfernt.

Es fällt mir schwer, diese Dynamik für andere in Worte zu gießen, verzeiht mir, wenn es mir nicht gelingen sollte.

Aber ich habe da etwas gefunden, was mich glücklich macht und ich möchte an dieser Stelle meine Angst loswerden, dass daran irgendwas falsch ist. Dass unser Machtgefälle für manche nicht dominant genug sein mag. Dass ich Schwäche zeige, wenn ich mich einfach hingebe. Dass es mich verletzlich macht und ich mich damit eher unterwerfe. Es tut mir leid, dass ich diese Gedanken habe, dass ich passend sein möchte für die Formen anderer, dass ich nicht einfach lächeln und nicken kann, ich immer wieder wissen muss: Es ist es für dich in Ordnung? Mache ich dich damit glücklich? Ist es genug für dich? Reiche ich aus?

Vielleicht komme ich irgendwann einfach bei mir an und genüge mir, in dem, was ich tue. Ohne Druck und Verlustangst.

Epilog

Aber ganz ehrlich: Ich liebe, was wir da getan haben. Und ich möchte es weiterhin tun.

Danke, Hase <3

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