Nähe herstellen ist etwas, was mir sehr sehr schwer fällt. Wenn ich jemanden näher kennenlerne, also sowohl in einem emotionalen, aber auch körperlichen Kontext, sage ich gerne, dass ich kein besonders kuscheliger Mensch bin, aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.
Körperliche Nähe war in meiner Familie kein großes Thema. In meiner Kindheit vielleicht, aber mit der Jugend und in dieser Zeit des Erwachsen Werdens war ich eher mit dem problematischen Verhältnis zu meiner Familie befasst, da war keine Nähe. Ich habe mich auch anderen Menschen gegenüber eher abgekapselt. Dazu die Unsicherheit, was den eigenen Körper angeht. Mit der Angst davor, dass sich andere Menschen vor einem ekeln sucht man keine Nähe, im Gegenteil. Niemanden berühren, niemandem zu nahe treten, niemanden in die Situation bringen, sich mit mir und schon gar nicht meinetwegen unwohl zu fühlen. Wenn Nähe mit Nicht-Partner-Personen vorkam, dann meist im BDSM- oder sexuellen Kontext. Das war einfacher, da war diese Nähe eher ein Mittel zum Zweck oder in eine Handlung eingebunden, in der ich das für mich einordnen konnte. Und: wenn ich als gefesseltes Rope-Bunny geplüscht werde ist das ja nicht meine Entscheidung, hier kann man maximal mir zu nahe treten.
Dann in einen Freundeskreis zu geraten, der sich mit Umarmungen begrüßt oder auch einfach so körperliche Nähe sucht war… weird. Es hat Zeit und auch Gespräche gebraucht, bis ich das für mich als manchmal beteiligte ok fand, bis ich akzeptieren konnte, dass man von mir umarmt werden möchte. Und erst in solchen Momenten begriff ich dann noch einen anderen Aspekt in diesem Themenkomplex: Freundschaftlich körperliche Nähe, aber auch manchmal körperliche Nähe zu meinen Partnern, ohne sexuellen oder BDSM-Kontext, ist wie eine Sprache, die ich nicht gut spreche. Sie überfordert mich schnell, ich verstehe nicht alles und weiß oft nicht, was ich sagen soll. Und wie bei meinen eigentlichen okayen, aber eben nicht guten Englischkenntnissen verstumme ich dann eher, als dass ich einfach austeste, was wie für mich funktioniert. Ich finde durchaus den Mut, mich in dieser Sprache zu üben, aber es ist nicht einfach. Das geht am ehesten in meinen Beziehungen, aber auch die Bubble, die sich in unserer Veranstaltungsreihe gefunden hat, ist für mich ein safer space, um bei einzelnen Leuten auch mal kraulend Kontakt aufzunehmen. Und ich bin dem einen oder anderen da sehr dankbar, dass sie mich aus diesem Schneckenhaus ziehen <3
Und es gibt Wege, mich aus diesem Schneckenhaus zu locken. Einer der besten Weg Nähe aufzubauen ist mir Schmerzen zuzufügen. Schmerzen können etwas sehr intimes sein, mit einem Menschen zu spielen kann einem einen sehr tiefen und ehrlichen Blick in diese Person, diese Gefühlswelt zu werfen. Und wenn ich jemanden an diesen Punkt vorlasse fällt mir die vermeintlich einfache, körperliche Nähe so viel einfacher. Dann ist auch von meiner Seite aus durchaus aktiv das Bedürfnis nach Nähe spürbar, was sonst eher selten vorkommt. Es ist, als würde durch den Schmerz der Abstand zu meinem jeweiligen Gegenüber kleiner, und je kleiner der Abstand ist, desto einfacher fällt es mir diesen zu überwinden. Ich glaube dir, das du mich magst, aber ich ordne das ganz anders ein, wenn du mir wehgetan hast, wenn wir gespielt haben. Dann verstehe ich, dass du diese Nähe möchtest, dass du diese Art von Kontakt zu mir möchtest. Das ist kein bewusster Prozess, ich sehe nur immer wieder dieses Muster und interpretiere es mittlerweile so für mich. Gemeinsam kuschelnd auf der Couch liegen ist nice, aber wenn man mir dabei ein wenig wehtut, ist da so viel mehr. (Es muss natürlich in die Situation passen. Es gibt sicherlich auch Momente, in denen Schmerz keine gute Idee ist, aber das gilt auch für Kuscheln.) Ihr kennt vermutlich diese Idee mit den fünf Love Languages, über die sich Zuneigung und Liebe in einer Partnerschaft ausdrücken. Zärtlichkeit ist eine davon, die Sprache der Berührungen. Ich habe sehr lange gesagt, dass diese Sprache nicht meine ist, aber das stimmt nicht. Wenn man den richtigen Kommunikationsweg und die richtigen Worte findet, kann ich sehr, sehr gesprächig sein.