Doesn’t matter, had fun

Darf BDSM auch „nur“ Spaß machen? Oder muss es immer einen sexuellen Kontext geben?

tl;dr: Ja. Nein.

Ich meine, wir machen das ganze doch nicht nur, weil es uns sexuell erregt. Wir hauen, demütigen, fesseln uns nicht nur, damit wir feucht oder steif werden und aus dieser Erregung heraus sexuell aktiv werden können. Wir finden auch Vergnügen an der Sache. Also warum sollte zumindest manchen von uns dieser Spaß nicht reichen?

In meiner Anfangszeit war ich da… Strenger? Eingeschränkter? BDSM war mehr als eine sexuelle Spielart, es war für eine gewisse Zeit das Zentrum, um das sich meine Beziehungen drehten. BDSM war kein Spaß für mich, es war sehr ernst, sexuell konnotiert und, nunja, mehr als eine Phase. Mein Lifestyle, wenn man so will. Ich war neunzehn, zwanzig, und wollte rein in die Szene, wollte Sub sein, O sein, beherrscht werden und mich unterwerfen und, ach, da war wenig Raum für Vergnügen. Ich wollte es richtig machen, wirklich richtig, ganz richtig. Es brauchte Zeit und Erfahrung, bis ich Dinge lockerer betrachten konnte, bis ich einfach mit anderen spielen konnte ohne die große Beziehung dahinter. Bis ich mir in meinen Gefühlen sicher genug war, um sie nicht von einem festen Herrn an der Peitsche abhängig zu machen. Als ich damals auf meiner ersten Party war und der Spaß-Zirkel der SZ das große Rad auf dieser Party nutzte, um einen darauf gefesselten Sub ordentlich durchzurotieren und ihn mit angeleckten Gummibärchen zu bewerfen, habe ich die Nase gerümpft. Heute würde ich mitmachen. Also beim Anlecken und Werfen =D Aber mit der Erfahrung kam die Entspannung, der Umgang mit der ganzen Thematik wurde lockerer und langsam war da Raum für Vergnügen. Für den Spaß an der Lust, für den es über Lust nicht hinausgehen muss. Und so löste sich bei mir das ganze vom eindeutig sexuellen Kontext.

Sex und BDSM sind eine tolle Kombi, auch für mich. Sex ohne Schmerz oder Machtgefälle zB. langweilt mich sehr schnell. Aber Machtgefälle ohne Sex geht wunderbar. Spanking, Fesseln, Demütigung, das geht alles ohne Sex. Ich brauche da keinen sexuellen Kontext, um in diesen Dingen meine Endorphine zu finden. Erregt mich vieles davon? Aber hallo! Muss ich deswegen mit der Person am anderen Ende der Leine schlafen? Nö.

Und BDSM kann so viel mehr sein als der Wegbereiter für Sex: BDSM braucht Vertrauen, und ist per se mit Nähe und Intimität verbunden. Vögeln kann ich mit nahezu jedem, spielen nicht. BDSM kann wie ein Gespräch unter guten Freunden sein, bei dem man sich Sachen von der Seele redet, die einen belasten. Für mich ist BDSM neben Spaß auch Entspannung, Ruhe, innerer Frieden. Oder ein Weg, meinen Schutzzaun vor der Außenwelt, meine Fassade zu knacken um befreit zu weinen. Oder der Kampf gegen die eigenen Grenzen, die eigenen hässlichen Gedanken. BDSM kann der Moment sein, in dem man endlich keine Maske tragen muss, sondern frei sein darf, körperlich wie geistig. Sex kann dagegen erschreckend simpel wirken und manche Erfahrung eher beschädigen. Die Feststellung, dass BDSM nicht zwingend Sex erfordert hat mir dagegen Horizonte eröffnet und mir so viel mehr Vergnügen beschert als ich vorher daran finden konnte. Ich bin mittlerweile wahnsinnig dankbar, dass ich mich von diesem sehr engen BDSM-Begriff meiner Jugend gelöst habe, mir wäre so viel Spaß entgangen =)

Ein Gedanke zu „Doesn’t matter, had fun“

  1. Diese ständige Zusammenwerfung „BDSM = Immer und ausschließlich mit Sex verbunden“ hat bei mir ja dafür gesorgt, dass ich mich erst mit 27 mal angefangen habe, scheu damit zu beschäftigen (und dann sehr lange in Denial war, wie intuitiv ich Prinzipien von Dominanz verinnerlicht bekam. „Aber das ist doch einfach total logisch, wenn sogar mir total-Vanilla das klar ist!“ Erstens – nein, ist es nicht. Und zweitens bin ich ganz offensichtlich nicht Vanilla.), und mit 29 dann so ungefähr mal wusste, wohin die Reise für mich geht.
    Es verbaut jungen Menschen teilweise auch den Einstieg, nicht zwingend in eine Outernet-Szene (ich habe immer noch große Fremdheitsgefühle, weil für mich so viele Dinge so komplett anders funktionieren, aber ich habe meine Twitter-Nische und das reicht aktuell aus), aber einfach generell den Zugang zu diesem Aspekt der eigenen Persönlichkeit, wenn BDSM immer nur im sexuellen Kontext existieren darf.
    Das führt dann auch zu so unsäglichen Dingen wie der Instrumentalisierung von Menschen auf dem asexuellen Spektrum in der Kink-at-Pride-Debatte. Ich bin auf dem Spektrum, ich bin kinky (und ich kenne mindestens zwei weitere Personen, bei denen das der Fall ist), aber sowas existiert in vielen Köpfen einfach nicht. Das spüre ich dann immer, wenn Twitter von diesen Debatten brennt.
    Daher: Danke für diesen sehr wichtigen Blogpost und ich hoffe, dass er einigen Leuten, die mit dem gleichen Thema hadern, Denkimpulse geben kann. <3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.